Trans Canada Highway

TCH! Eingefleischte Nord-Amerika-Fans reagieren bisweilen heftig bei diesen drei Buchstaben: ihr Blick verklärt sich, ihr Blutdruck steigt, in seltenen Fällen treten Hautrötungen im Gesicht auf.Und dabei steht TCH doch nur für eine Straße. Aber die hat es in sich: der Trans Canada Highway zieht sich quer durch Kanada, von St. John's auf Neufundland ganz im Osten bis Victoria aufVancover Island, dem westlichsten Zipfel des Landes.

 

Eine Reise mit dem Auto entlang des TCH ist auch noch zuBeginn des 21. Jahrhunderts eine - ich will mal sagen – anspruchsvollere Herausforderung. Allein die zurückzulegende Strecke ist schier gewaltig. Siebeneinhalb- bis achttausend Kilometer kommenda schon zusammen, mit ein paar Umwegen zu diversen Highlights am näheren oder weiteren Wegesrand können es auch weit mehr werden. Würden (und könnten) wir in München losfahren und Richtung Westendie gleiche Strecke zurücklegen, landeten wir in ... Kanada!

 

Im mittleren Teil – etwa im westlichen Ontario oberhalb des Lake Superior – durchquert der TCH noch immer eine nahezu unbesiedelte Wildnis. Er ist hier überhaupt die einzige Straße, die den OstenKanadas mit dem Westen verbindet und erst Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts gebaut worden. Vorher war eine Autofahrt von Halifax nach Vancouver über kanadische Straßen nicht möglich,ein Umweg über die USA war nötig.

 

Von den Niagara Fällen über die Bruce Peninsula kommend nehmen wir den TCH ab Espanola - einem kleinen, farblosen Städtchen (mit einem allerdings perfekt bestücktem Hardware Store) am Nordufer des Lake Huron - unter die Räder. Angedacht ist es, bis zu den Rocky Mountains, etwa 3.500 km westlich von hier, mehr oder weniger durchzurauschen. Das klappt nur bedingt. Schuld daran ist der gerade imersten Bereich spektakuläre Streckenverlauf. Immer wieder trifft die Straße auf schroffe Steilküsten oder menschenleere Sandstrände. Wie das, mag sich so mancher Fragen, wir sind doch im Inland. Stimmt schon, allerdings haben die großen Seen – Lake Ontario, Lake Erie, Lake Huron, Lake Superior und Lake Michigan - eine so gewaltige Ausdehnung, daß wir eher den Eindruck haben, entlang eines Ozeans, und nicht eines Binnengewässers unterwegs zu sein. Über weite Strecken sehen wir kein Land, wenn wir auf's Wasser hinausblicken, und tatsächlich gibt es hier sogar einen kleinen, aber bemerkbaren Gezeitenunterschied.

 

Am Lake of the Woods, ganz im Westen der Provinz Ontario, legen wir einen Zwischenstop ein, bauen unser Lager direkt am Wasser auf, holen das Kanu vom Dach und paddeln durch die klaren Wasser - und als uns die Lebensmittel ausgehen, erreichen wirden nächsten General Store in Sioux Narrows auch mit dem Boot. Wir kommen uns vor wie alte Trapper aus einem Roman von JF Cooper. Eile? Die Rockys laufen uns schon nicht davon ... .

 

Dann verlassen wir allmählich das hügelige Seenland und tauchen ein in die endlose Prärie der Provinzen Manitobas, Saskatchewans und Albertas. In dem Maße, wie sich das Land verändert, verändernsich seine Menschen: sie fahren robustere Pick Up's, tragen Hüte mit breiteren Krempen, werden rauhbeiniger und auch mißtrauischer. Sie grüßen Dich nicht mehr mit einem freundlichen „how are you", sondern warten erstmal ab, was von Dir kommt. Die robuste Dame an der Kasse des Generalstores von Souris/Manitoba würdigt Dich keines Blickes, und Du fragst besser nicht, wo „organic soy milk with vanilla flavour" steht.

 

Draußen auf dem Parkplatz sitzt ein alter Veteran mit gigantischer Brille in seinem Dodge Ram, neben ihm ein gewaltiger Hund, dem Du in keinem Park beim joggen begegnen möchtest, und beide starren Dich irgendwie fassungslos an, als wäre Deine Haut grün ... solchen Leuten begegnen wir hier. Aber wehe, Du sprichst sie an - ein bescheidenes, freundliches „good day!" genügt – und Du hast es mit den warmherzigsten Menschen auf diesem Planeten zu tun: die Dame an der Kasse erzählt Dir, daß ihr gestern beim Feuerholz tragen einScheit auf den Zeh gefallen ist, und der Typ im Pick Up davon, daß er seit einem Jahr mit dem Trinken aufgehört hat und sein Hund an einem großen Tumor bald sterbenwird. Dabei entblöst er seine untere Zahnreihe mit Lücken so groß wie die Ladefläche seines Trucks. Man muss sie einfach lieben, diese merkwürdigen, ehrlichen, gradlinigen Menschen in den weiten Prärien Kanadas.

 

Im wenig reizvollen Regina in der Provinz Saskatchewan legen wir eine dreitägige Pause ein: Lucy bekommt ihren ersten Service und bei der Gelegenheit auchgleich einen neuen Bremskraftverstärker eingebaut. Die alte Dame schnurrt zuverlässig vor sich hin und bringt uns ohne Schwierigkeiten durchs weite Land. An kalten Morgen kommt sie gelegentlich mühsam in die Gänge – aber herrje, das tun wir ja schließlich auch!

 

Und dann steigen ziemlich plötzlich im Westen die Canadian Rockies auf. Am Waterton National Park nahe der US-amerikanischen Grenze erreichen wir den Fuß des Gebirges und fahren von nun ab Richtung Norden über steile, rauhe Piste (der Forestry TrunkRoad), die sich immer wieder auf Höhen über 2.000 Meter hinaufzieht. Was für eine dramatische Szenerie umgibt uns da: schneebedeckte Gipfel, endlose Wälder, kristallklare Flüsse und milchig-türkisfarbene Bergseen – eine Sternstunde der Schöpfung.

 

Allmählich nimmt allerdings auch die Touristendichte zu. Vom kleinen Städtchen Banff aus geht es auf dem Icefields Parkway durch die ganze Länge der Nationalparks Banff und Jasper. Diese 230 kmwerden gerne als die schönste Gebirgsstraße Kanadas gelobt, und tatsächlich ist sie über weite Strecken schlicht grandios. Doch mit der Einsamkeit ist es hier endgültig vorbei. Wir reihen uns in eine nicht enden wollende Wohnmobilkolonne ein und fragen uns, wieviel Tourismus solch eine Wildnis wohl veträgt. Doch sobald wir uns auf Wanderwegen weiter als 500 Meter vom Parkplatz entfernen wird's erheblich ruhiger. Laufen ist keine amerikanische Leidenschaft (wir beobachen Camper, die die 150 Meter zum Duschblock mit dem Auto zurücklegen), und so ist es leicht, den Massen zu entkommen. Wir wandern durch tiefe Wälder entlang wilder Bäche, besteigen auf steinigen Wegen schroffe Höhen und werden mit spektakulären Aussichten belohnt. Wir sind überwältigt von der dramatischen Schönheit dieser Bergwelt und wissen, daß die Canadian Rockies ein Highlight auf unserer Reise bleiben wird. Auf einem Gipfel finden wir ein Schild worauf steht: „You are just a few steps from the summit. Enjoy the view, but also enjoy the personal feeling of knowing that you are a part of this landscape". Genau das ist es, was Reisen ausmacht!

 

Inzwischen haben wir den ALCAN erreicht. Wieder so ein Wort, bei dem der Insider gerötete Wangen bekommt: ALCAN ist die liebevolle Kurzform für den Alaska Highway – noch Fragen?

Aktuelles

Mathilda ist verkauft! Es lebe Betty ....

 

(demnächst mehr)

Aktueller Standort

Aktueller Kommentar

Jürgen

(Mittwoch, 1. Juli)


"Hallo ihr Lieben,

ich verfolge eure Reisen schon lange, das ist euer - womöglich - bester und aufrüttelndster Blogbeitrag. Ich selber hab Indien seit 1993 schon mehrfach besucht, lebte fast 3 Jahre in Bangladesh (zuvor 13 Jahre in China und 4 Jahre in Indonesien) und lebe und arbeite mit meiner Familie seit 20 Jahren in Asien. Und Yogalehrer bin ich auch noch... Von daher: gut beobachtet! Weiter so...


Viele Grüsse und weiterhin ein gutes Auge, offenes Herz und Mut zum Schreiben der Wahrheit wünscht
Jürgen"

Wir unterstützen