Alaska Highway

„Der 2.230 km lange Alaska Highway ist genau genommen nichts weiter als eine breite, ausgebaute Verbindungsstraße zwischen Dawson Creek in British Columbia / Kanada und Delta Junction inAlaska / USA" lesen wir ernüchternd in unserem Reiseführer. Nu ja, das kann man auch anders sehen. Die Geschichte dieser Straße handelt immerhin von Helden und Pionieren, von Patriotismus,rauher Wildnis und von furchtlosen Kerlen, die auf der guten Seite stehen – eine amerikanische Geschichte also durch und durch (und man muss die Menschen in diesem Land einfach beneiden umdiesen grenzenlosen, unverkrampften Stolz auf die eigene Nation). Das mit dem Highway war jedenfalls so:

 

Nachdem am 7. Dezember 1941 die Japaner Pearl Habour angegriffen haben, befürcheten die US-Amerikaner eine Invasion im hohen Norden. Eine Nachschubstraße sollte Alaska gegen eine solche sichernhelfen. Die Kanadier waren bis dato eher nicht so begeistert von einer durchgehenden Straße hinauf durch ihr eigenes Land. Zu sehr war die Furcht vor einem unkontrollierten Eindringen des NachbarnUSA. Doch dem militärischen Argument konnten sie sich schließlich nicht verschließen. Am 11. Februar 1942 gab also Präsident Roosevelt den Befehl, quer durch unwegsame Wildnis, durch endlose Wälder, mückenverseuchtes Sumpfland und schroffes Gebirge eine befahrbare Schneise zu schlagen. Knapp 11.000 junge, gutaussehende, mutige Patrioten machten sich an die Arbeit, quälten sich mit allen zur Verfügung stehenden Kräften und Maschinen durch den rauhen Norden und erledigten den Job bis zum 20. November 1942. Unglaublich! Die eigentlichen Arbeiten für 2.230 km dauerten etwas mehr als halbes Jahr!

Heute erinnern etliche Museen und Mileposts entlang der Strecke an die Heldentaten vergangener Zeiten. Ansonsten stellt das Befahren der Straße zwar tatsächlich kein sonderlich riskantes Abenteuermehr dar - sie ist mittlerweile durchgehend befestigt und verfügt über ein ausreichend dichtes Netz an Servicestationen, Motels und Campingplätzen - eine Herausforderung ist es dennoch: wegen seinerenormen Länge und vor allem wegen des unvergleichlichen Naturerlebnisses!

 

Viel Zeit haben wir uns nicht gelassen für die letzte Etappe unserer Kanadadurchquerung. Ab Dawson Creek - Mile 0 des Alaska Highways - verläuft die Straße zunächst durch Wald-und Farmland. Gleich in Fort Nelson, einem kleinen Kaff, 460 km hinter DC müssen, wir eine Zwangspause ein- legen: bei sintflutartigen Regenfällen gibt Lucys Scheibenwischer den Geist auf. Ich bau das Ding aus und nehm es auseinander, aber da ist nix zu machen. Beim nächsten Autoteilehändler frage ich nach einem „Windshieldwipermotor" für einen 85er F250. Der kauzige Verkäufer verschwindet in seinem Lager und schiebt mir zwei Minuten später einen passenden Motor über den Tresen. Ich zahle die 175 Dollar, möchte ihn knutschen (laß es dann doch sein) und weiß wieder, warum wir uns für dieses Fahrzeug entschieden haben ... („this is Ford-country – what are you driving")!

 

Dann wird das Wetter besser, die Bewölkung reist auf genau zum Richtigen Zeitpunkt: Oberhalb von Fort Nelson beginnt der landschaftlich spektakulärste Abschnitt des Alaska Highways. Die nördlichsten Ausläufer der Rockies umschließen hier ein enges Tal und beherrschen den Stone Mountain Provincial Park. Die Straße windet sich in kurvigem Verlauf durch eine Kalksteinschlucht. Bergziegen versperren auf engen Serpentinen den Weg, etwas weiter nördlich beobachten wir Bisons am Straßenrand. Ein Schwarzbär überquert vor unseren Augen den grauen Asphalt und verschwindet,noch ehe ich die Kamera am Auge habe, im dichten, düsteren Gehölz. Wildes, rauhes Land – wunderschön und trotzdem nur eine laue Kostprobe dessen, was uns sehr viel weiter im Norden erwartet.

 

Am Liard River errichten wir schon früh am Nachmittag auf einem State Park unser Lager in waldigem „Bärenland" und spazieren los entlang eines Holzplankenweges über warme Sumpfgewässer zum Naturpool der Liard River Hot Springs. Dort, im 42°/C heißen Wasser nehmen wir umgeben von beinahe subtropischem Grün ein ausgiebiges Bad. Herrlich!

 

Nächster Stop: Watson Lake in der Province Yukon, auf den nächsten rund 1.000 Kilometern neben Whithorse der einzige Ort mit halbwegs vollständiger Infrastruktur...(sind das nicht herrliche Namen,die von Abenteuer und entbehrungsreichem, wildem Leben erzählen? Hier noch einige Kostproben: Sixtymile, Klondike River, Coldfoot, Livengood, und mein Lieblingsortsname: Deadhorse!). Siedlung und See (von Watson Lake) wurden benannt nach Trapper Frank Watson, den es vor einem Jahrhundert mit seiner indianischen Frau in die Abgeschiedenheit dieser Gegend zog.

 

Der Ort ist schmucklos und außer zum Volltanken keinen Stop wert, wären da nicht die Sign Posts, zahlreiche, unübersehbare Holzmasten am Highway, an die Besucher aus aller Welt Wegweiser, Autonummern, Orts-und andere in irgendeiner Form beschriftete Schilder genagelt haben. Der heimwehkranke Soldat Carl K. Lindley aus Danville, Illimois, hat mit einem Schild seines Heimatortes 1942 den Anstoß zu dieser Sammlung gegeben. Andere Arbeiter, Lastwagenfahrer und später unzählige Touristen folgten seinem Beispiel. Mittlerweile ist die bunte, kuriose Schildersammlung auf über 50.000 angewachsen.

 

In Whitehorse erreichen wir zum ersten Mal den Yukon River. Der Ort entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunnderts zur wichtigsten Etappe der Goldsucher auf ihrem Weg nach Dawson City. Ab hier nämlich ist der Fluß bis zur Mündung in das Beringmeer schiffbar. 1953 wurde Whitehorse Hauptstadt der Provinz Yukon. Heute leben rund 24.000 Menschen hier, zwei Drittel der Yukon-Bevölkerung. Wir bummeln durch das nette Städtchen, finden ein gemühtliches Cafe, wo wir fein zu Mittag essen und füllen im riesigen Supermarkt unsere Lebensmittelreserven auf. Schon erstaunlich, das Warenangebot hier im entlegenen Norden. Da kann unser Tengelmann in der Holzstraße nicht mithalten. Es gibt frische Muscheln und australischen Chardonnay aus dem Hause Rousemount Estate für 12,99 C$ statt 15,99. Abends, am herrlichen Lake Kluane, stehen wir direkt am Ufer, genießen den Blick über das spiegelglatte Wasser hinüber zu den Bergen und schlemmen wir die Könige in ... ja .... Kanada!

 

Der letzte Abschnitt des Alaska Highways auf kanadischer Seite ist in miserablem Zustand, durchquert aber noch einmal eine unvergleichlich wilde Naturszenerie. Bergiges Land, dichte Wälder, unterbrochen von zahllosen kleinen Seen und Tümpel, zernarbt von Flußläufen, deren Bett so viel breiter ist als das schmale Rinsaal darin. Sie heißen Domjek River, Kluane River oder White River. Jetzt, Anfang August, führen die Flüsse nur wenig Wasser. Im kurzen Herbst jedoch steigen die Niederschläge und im Winter friert der Fluß zu, dehnt sich aus und scharbt dann im Frühjahr während der Eisschmelze diese gewaltige, schottrige Schneise in das Land.

 

In Beaver Creek füllen wir nocheinmal alle Tanks und überqueren schließlich am 6. August die Grenze nach Alaska. Wieder sind die Einreiseformalitäten harmlos. Keine Fahrzeugkontrolle, kein Vermerk im Paß, daß wir mit eigenem Fahrzeug einreisen, nicht einmal die Internationale Zulassung, die zu bekommen mich Stunden in den tristen Fluren der KFZ-Zulassungsstelle gekostet hat, will der Beamte sehen. Das nehm ich ihm schon beinahe übel.

 

Schwamm drüber - wir haben's geschafft, haben seit Halifax beinahe 10.000 Kilometer in 43 Tagen zurückgelegt, haben über 2.000 Meter hohe Pässe überquert und die endlosen Ebenen der Prärie durchfahren, haben 4 Zeitzonen überschritten, haben in Kiesgruben, an Seeufern, in dichten Wäldern und auf offenem Flachland die Nächte verbracht und nicht selten das Brummen unseres Diesels noch im Schlaf gehört. Nun ist das erste große Ziel unserer Reise erreicht. Wir sind stolz und erleichtert und euphorisch und widersprechen unserem Reiseführerautor auf's heftigste: Der Alaska Highway ist so viel mehr als nur eine gut ausgebaute Verbindungsstraße. Er ist enorm lang und streckenweise in nervig schlechtem Zustand, er führt durch abgelegene Käffer, einsame Servicestationen und durch eine beispiellose, grandiose Wildnis; bei aller mitteleuropäischen Bescheidenheit - in unserer kleinen Geschichte sind an diesem Tag zweifellos wir die Helden!

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ich verfolge eure Reisen schon lange, das ist euer - womöglich - bester und aufrüttelndster Blogbeitrag. Ich selber hab Indien seit 1993 schon mehrfach besucht, lebte fast 3 Jahre in Bangladesh (zuvor 13 Jahre in China und 4 Jahre in Indonesien) und lebe und arbeite mit meiner Familie seit 20 Jahren in Asien. Und Yogalehrer bin ich auch noch... Von daher: gut beobachtet! Weiter so...


Viele Grüsse und weiterhin ein gutes Auge, offenes Herz und Mut zum Schreiben der Wahrheit wünscht
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