USA: Westküste

(Dieser Reisebericht hätte schon vor gut zehn Tagen im Netz stehen können, aber alle Welt schien mich davon abhalten zu wollen. Das muss ich erklären:

 

In der Regel verbringen wir unsere Nächte auf öffentlichen Campgrounds in diversen National Parks, State Parks, etc. Diese Campgrounds sind nicht nur erheblich billiger als private Campingplätze, sie sind auch reizvoller gelegen und zeichnen sich durch eine großzügigere Aufteilung aus. Allerdings verfügen sie über eher bescheidene Ausstattungsmerkmale: Duschen und Toiletten mit Spülung gilt da schon als komfortabel, gelegentlich steht nur ein Plumpsklo in allerdings spektakulärer Pampa. Stromanschluß gibt's fast nie. Auf privaten Campingplätzen (sogenannten RV Parks)hingegen stehen die Wohnmobile auf asphaltierter Fläche dicht an dicht. Jeder Stellplatz ist ausgestattet mit sogenanntem „Full-Hook-Up": Stromanschluß, Frisch- und Abwasserleitung, Kabel-TV-Buchse,selbst drahtloser Internetzugang ist mittlerweile Standart. Duschen und Toiletten sind großzügig bemessen und mit Kunststoffblumen dekoriert, die Laundry ist gleichzeitig Kommunikationszentrum undLeihbücherei, beim einchecken versichert Dir eine gutgelaunte ältere Dame hinterm Tresen, daß Du endlich „zuhause" angekommen bist.

 

Auf solchen Plätzen stehen überwiegend jene gigantischen amerikanischen Wohnmobile, die über die Wohnfläche eines durchschnittlichen mitteleuropäischen Einfamilienhauses verfügen und mit jedem erdenklichen Komfort ausgestattet sind,einschließlich eines Hubschrauberlandeplatzes auf der hinteren Dachfläche. Sie tragen wohlklingende Namen wie Patriot, Chateau Monaco oder Weekend Warrior.

 

Neulich luden uns Hillary und George - ein reizendes älteres Ehepaar aus Las Vegas, das mit solch einem Schiff durch Nordkalifornien unterwegs war - zu einem Drink bei sich ein. Wir betrateneinen mit dicken Teppichen ausgelegten Wohn-, Eß- und Kochraum von locker 12 Quadratmetern. Die Inneneinrichtung entsprach jenem gewagten Stilmix aus Country Cottage, Florida Beach House undGelsenkirchener Barock, wie man ihn in diversen „House and Garden" Magazinen an der Supermarktkasse findet. Wir versanken in wohlriechenden Ledersesseln, tranken Whisky aus Kristallgläsern, einFernseher mit den Bildschirmmaßen einer Kinoleinwand flimmerte auf der einen Seite, auf der anderen führte eine Tür(!) ins Schlafgemach. Dort stand ein Bett von beneidenswerter Größe, außerdem Kleiderschrank, Schmink- und Nachttisch, und schließlich führte eine weitere Tür in ein vollständiges Badezimmer: Dusche hinter Glastür, Waschbecken mit goldfarbenen Armaturen und einer Toilette, von derman auf einem State Park Campground nicht zu träumen wagt. Wie funktioniert das in einem Fahrzeug, das halbwegs manövrierfähig bleibt? Ganz einfach: Die Wohnkabine verfügt über ausziehbare Wände. Auf beiden Seiten erweitert sich so im Stand und per Knopfdruck die Breite um min. 50 cm, macht also ein Meter plus die 2,5 Meter Wagenbreite und das ganze auf einer Wagenlänge von gelegentlich über 10Metern. Da kommt anständig was zusammen ...! Natürlich läßt sich so ein Wohnraum nicht mit einer zweiten Batterie versorgen, und deshalb also trifft man eben diese rollenden Häuser auf Stellplätzen,die über die entsprechende Ausstattung verfügen.

 

Von Zeit zu Zeit mieten auch wir uns in solch einem Campingplatz ein: Hier waschen wir Wäsche, Duschen ausgiebig, laden diverse Akkus auf, editieren Bilder, checken und beantworten Mails, und... aktualisieren unsere Webpage. Wenn wir unsere alte, staubige Lucy einreihen zwischen die mächtigen, blitzsauberen RV's (Recreational Vehicle), sorgen wir schon für einigen Wirbel. Die Nachbarn staunen über unser deutsches Nummernschild und die kleine Wohnkabine auf einem ihnenvertrauten Ford Pickup. Wie soll denn da ein Hubschrauber drauf landen können, fragt sich sicherlich so mancher. Und so kann es passieren, daß ich noch nicht den Motor ausgemacht habe, da sind wirschon ins erste Gespräch verstrickt. Frei nach John Steinbeck*, der ähnliche Erlebnisse bereits vor 40 Jahren beschrieb, verläuft so ein Gespräch nach einem rituellen Muster ab:

 

Nachbar: „Germany, huh?"

 

Wir: „Yep."

 

Nachbar: „I was there in nineteen seventy-eight --- or was it seventy -nine? Alice! Was it seventy-eight or seventy-nine we went to Germany?!"

 

Alice: „It was seventy-six. I remember because it was the year Alfred died."

 

Nachbar: „Anyway. How did you get this car over here?" ...

 

Dann erzählen wir von unserer Reise, bekommen kostbare oder auch nur gut gemeinte Ratschläge für unsere weitere Strecke, wir plaudern über die Zuverlässigkeit amerikanischer Dieselmotoren und das Wetter, und zwischendurch lassen die meisten ungefragt durchsickern, daß sie nicht George Bush gewählt haben. Es sind fast ausnahmslos nette, herzliche Menschen, denen wir da begegnen, zumeistRentner, die in ihren RV's leben, gemächlich durch ihr schönes Land reisen und über eine erstaunliche Ausdauer fürs nachbarschaftliche Gespräch verfügen. Solche Begegnungen führen dann dazu, daß wirunser eigentliches Programm für den Nachmittag nur unvollständig abarbeiten, und deshalb – jetzt schließt sich der Kreis – bin ich spät dran mit unserem Bericht.)

 

Jetzt aber los:

 

Wir verlassen Vancouver Island auf einer Fähre, die uns in zwei Stunden nach Anacortes auf US-amerikanischen Boden bringt. Von den problemlosen Grenzformalitäten zu schreiben, langweilt mittlerweile. Wir rauschen durch bis ins 60 Meilen entfernte Seattle und verbringen dort einen netten, wenngleich unspektakulären Tag. Wir besuchen das Seattle Aquarium, bummeln durch den attraktiven Pike Place Markt, wo Fisch, Gemüse und Kunsthandwerk unter Arkaden angeboten werden und finden im ersten Stock eines alten Stadthauses durch Zufall ein wunderbares, kleines Restaurant, wo wir – an einer lange Bar sitzend – ein leichtes Mittagessen aus einer ambitionierten Küche genießen. Seattle ist hip in den USA, ist Hightec Kapitale ebenso wie Trendschmiede für Musik und Mode. Trotzdem verlassen wir bereits nach einem Tag Sightseeing die Nord-West Metropole. Wir sind einfach nicht in Stadtstimmung.

 

Von nun ab folgen wir der nordpazifischen Küste Washingtons und Oregons durch eine Wildnis, die sich grandios in Szene setzt: zerklüftete, waldreiche Vorgebirge, mächtige Vulkangipfel, feinsandigeStrände, an denen sich die Urgewalt des Ozeans entlädt – ein Spielplatz der Schöpfung:

 

Im Olympic National Park amnordwestlichen Zipfel Washingtons durchwandern wir von Moosen und Farnen überwucherte Regenwälder und verbringen eine unvergeßlichen Nacht am Ufer des Hoh Rivers: vor uns plätschert kristallklaresBergwasser, hinter uns ragen die mächtigen Stämme der Sitkas auf, dazwischen sitzen wir am Lagerfeuer und lauschen den Geräuschen der nächtlichen Wildnis. Am Crater Lake im gleichnamigen National Park umrunden wir einen tiefblauen See von 11 Kilometern Durchmesser. Mount Mazama explodierte vor 6.800 Jahren, der Gipfel viel in sich zusammen undformte diesen perfekt symmetrischen Krater. Kalt ist es hier oben auf über 2.000 Metern Höhe, um uns herum liegen die Schneereste eines Sturmes vor wenigen Tagen. An der Mündung des Nehalem Rivers scheint der endlose Strand nur uns allein zu gehören. Stundenlang spazieren wir zwischen weißem Sand und wolkenverhangenem Himmel. Die See ist rauh und die Luft salzig. Im kleinen Ort Manzanita gibt's den besten Espresso weit und breit (aus einer original italienischen La Cimbali!) und nebenan einen perfekt bestückten Naturkostladen. Wir sind selig!

 

Allmählich setzt sich Regen endgültig durch und wir flüchten ins Hinterland. Das kleine Städtchen Ashland - fast schon an der kalifornischen Grenze - gilt als Kulturzentrum des südlichen Oregons. Alljährlich findet hier das über US-amerikanische Grenzen hinaus beachtete Oregon Shakespeare Festival statt. Auf drei Bühnen, eine davon im Freien, werden zwischen Februar und Oktober shakespearesche und zeitgenössische Dramen gespielt. Karten für die Klassiker sind schon Monate vorher ausgebucht. Wir finden Plätze für das 30'er Jahre Stück „Room Service", von John Murray und Allen Boretz. Was als „Hommage an das amerikanische Theater" angekündigt war, entpuppt sich als abgedroschener Klamauk und veranlaßt uns, das Theater nach dem ersten Akt wieder zu verlassen. Ashland selbst ist dennoch ein Besuch wert. Entlang der Hauptstraße reihen sich Restaurants, Feinschmeckerläden, Galerien, Antiquitäten- und Modegeschäfte aneinander, der Stadtpark (Lithia Park) zieht sich den Hang hinauf durch herbstliches Laub bis über die Stadtgrenze hinaus. Wir lassen's uns gut gehen hier, und auch Lucy wird verwöhnt: sie bekommt nach 16.000 abgefahrenen Kilometern ihren wohlverdienten dritten Service.

 

Dann überqueren wir die Grenze zu Kalifornien! „Viele Amerikaner glauben, daß man wirklich erst dann am Ziel seines Lebens angekommen ist, wenn man endlich in Kalifornien lebt, im Land der ganzgroßen Freiheit ..." hab ich in einem alten GEO Spezial gelesen, und „Lonely Planet" kündigt in seinem Reiseführer einleitend an: „ ... California will provide you with dreams enough for a lifetime! "WOW! Das weckt hohe Erwartungen, die erstmal erfüllt werden wollen. Soviel schon vorneweg: Sie werden es!

 

Gleich südlich der Grenze tauchen wir in eine dramatische Naturszenerie ein. Hier stehen die letzten Bestände der Redwood Forests, die einst die gesamte kalifornische Küstengebirgsregion beherrschten. Redwoods gelten als die höchsten Bäume der Welt. Einige Exemplare werden über 100 Meter hoch und erreichen ein Alter von bis zu 2000 Jahren. Doch das sind Zahlen, und die vermögen nichtwiederzugeben, welche majestätische Schönheit diese Bäume umgibt. Im Prairie Creek Redwood State Park stellen wir Lucy am Waldrand ab, packen Rucksack voll mit Brotzeit, Wasser und Regenjacken und wandern hinein in einen Wald, der seinesgleichen sucht.

 

Wie Säulen steigen die Bäume in den Himmel. Die nackten Stämme öffnen sich erst weit oben zu einer gewaltigen Krone, formen ein erhabenes Gewölbe, in dem ein komplexer Mikrokosmos existiert. Zahlreiche Pflanzen finden dort oben einen Nähr-„boden". 13 verschiedene Arten umfaßt dieses Biotop im Dach des Waldes, darunter auch wieder junge Redwoods. In der Krone eines einzigen Baumes im State Park zählt man 148 Triebe, die hier in luftiger Höhe selber gewaltige Ausmaße erreichen können, und wiederum neuen Lebensraum schaffen für Pflanzen und auch Tiere, die nie hinabsteigen auf den Grund, über den wir da wandern. So entsteht fünfzig Meter über dem Boden ein zweiter, artenreicher Wald, eine neue Generation, getragen von den eigenen Ahnen. Wenn es denn einen gestaltenden Schöpfergibt, so schuf er hier sein Meisterwerk, eine Kathedrale von erhabener Schönheit.

 

Den ganzen Tag verbringen wir in den Wäldern, besteigen auf schmalen Pfaden steile Höhen, durchwaten in weiten Tälern kristallklare Bachläufe und hören in der ferne das Grollen des Pazifiks. In Jahrmillionen ist hier eine Welt entstanden, die der Mensch – nein, die der europäische Einwanderer mit seinem göttlichen Auftrag, sich die Erde Untertan zu machen - in weniger als 200 Jahrenfast vollständig vernichtet hat. Ganze vier Prozent der einstigen Redwood Wälder sind erhalten geblieben!

 

In den Wäldern des nördlichen Kaliforniens nehmen wir uns Menschen als zerstörerische Kraft wahr, einige hundert Kilometer weiter südlich als kreativen, sinnlichen Gestalter: Entlang des Highways 101 erreichen wir das kalifornische Weinland Sonoma Valley nördlich von San Francisco. Mitten in den lieblichen Weinbergen errichten wir auf einem schattigen Campground ein Basislager. Wir startenunseren kleinen Roller und sind die nächsten zwei Tage bei sonnigem Wetter unterwegs von Weinbauer zu Weinbauer und testen uns einmal durch von Norden nach Süden.

 

Zinfandel, Chardonnay und Traminersind es vor allem, die hier angebaut werden und Aufgrund des günstigen Klimas viel Körper und Fülle haben. Der Ruf des amerikanischen Weines mag zwiespältig sein angesichts von Holzchips, künstlichenAromen und weiteren kleinen Schweinereien, die hierzulande beigefügt werden dürfen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß er nicht selten saugut ist. Am Vorabend unserer Weiterreise sind wir ernsthaft mit dem Problem konfrontiert, wohin mit den erworbenen Flaschen. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – bzw. ein Raum für all die feinen Kostbarkeiten.

 

Mit leicht erhöhten Gesamtgewicht erreichen wir schließlich San Francisco und erliegen schon beim Hineinfahren dem unvergleichlichen Charme dieser Stadt: Über mehr als 40 Hügel reihen sich viktorianische Häuser aneinander, Wasserumgibt die Stadt von drei Seiten, die Golden Gate Bridge gilt zurecht als die schönste Brücke der Welt. Ca. 800.000 eigenwillige Menschen leben hier und pflegen eine farbenfrohe Kultur, die so manche kreativen Energien in die Welt hinausgetragen hat: Beat, Hippies, Flower Power, peace and love, hetero- und später homosexuelle Revolution – alles Impulse, die hier ihre Ursprung fanden.

 

„San Francisco", lesen wir in einer Zeitschrift, „hat immer schon Außenseiter angezogen, es ist einer der wenigen Orte, wo Freaks belohnt werden, und wo normal sein unnormal ist."

 

Zu Fuß oder mit der Cable Car, diesem ebenso charmanten wie antiquierten Bahnsytem, erkunden wir Chinatown, North Beach, Russian Hill und Haight-Ashbury, die Wiege des „Sommer of Love"; wirbesuchen das San Francisco Museum of Modern Art und das fantastische Asian Museum; wir frühstücken im Coffee Shop an der Ecke und bleiben in kleinen, kitschbeladenen Restaurants entlang derFishermans Wharf bis tief in die Nacht hängen. Es dauert nicht lange, und wir fühlen uns nicht als außenstehende Beobachter, sondern als integrierter Teil dieser multi-kulturellen Gesellschaft. Alswir nach vier Tagen weiterfahren, steht auf unserer (zugegebenermaßen ziemlich umfangreichen) Liste der „Hier-könnt-ich-leben-Orte" San Francisco an prominenter Stelle.

 

30 Meilen östlich der Stadt legen wir auf einem RV-Park eine Pause ein. Die Erlebnisse der vergangenen Wochen müssen sich erstmal setzen. Tagebucheintragungen sind überfällig, saubere Wäsche gehtuns aus und es ist Zeit, mal wieder die Website zu aktualisieren. Wir besetzen ein Plätzchen, richten uns ein, klappen die Stühle auseinander, packen das Notebook aus ... und gerade, als ich meineGedanken sortiere und loslegen will, meint da jemand etwas in der Art: „Germany, huh?" ...

 

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*John Steinbeck: „Travels with Charley in Search of America", eine hinreißende Lektüre für jeden Amerikareisenden!

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Mathilda ist verkauft! Es lebe Betty ....

 

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Jürgen

(Mittwoch, 1. Juli)


"Hallo ihr Lieben,

ich verfolge eure Reisen schon lange, das ist euer - womöglich - bester und aufrüttelndster Blogbeitrag. Ich selber hab Indien seit 1993 schon mehrfach besucht, lebte fast 3 Jahre in Bangladesh (zuvor 13 Jahre in China und 4 Jahre in Indonesien) und lebe und arbeite mit meiner Familie seit 20 Jahren in Asien. Und Yogalehrer bin ich auch noch... Von daher: gut beobachtet! Weiter so...


Viele Grüsse und weiterhin ein gutes Auge, offenes Herz und Mut zum Schreiben der Wahrheit wünscht
Jürgen"

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