Alaska: zwischen Deadhorse und Denali

Einige wissenswerte Details über Alaska: Am 18. Oktober 1867 kaufte die USA Alaska von den Russen für schlappe 7,2 Mio. US$ ab. 1959 fand die Konstituierung als 49. Bundesstaat der USA satt. Heuteleben ca. 640.000 Menschen leben hier (auf einer Fläche fast fünfmal so groß wie die Bundesrepublik), über die Hälfte davon in den drei größten Städten Anchorage, Juneau und Fairbanks. Der Rest verliert sich in einer beispiellosenWildnis, zwischen mächtigen Gebirgsformationen und gewaltigen Gletschern, arktischer Tundra und endlosen Wäldern. Ein großes, wildes, menschenleeres Land also. Und ein Satz noch zum Wetter: Diehöchste jemals gemessen Temperatur hier beträgt anständige 36°C (am Polarkreis!!), die niedrigste minus 62°C ...! Eine recht abgelegene, rauhe Ecke unseres Planeten erwartet uns also, eine intakteUrlandschaft, die reale Kulisse aus meiner Jack London Zeit vor 25 Jahren.

 

Und dann: all unsere Vorstellungen von endloser Wildnis, von rauhbeinigen Desperados und kalten Nächten unter einem von Nordlichtern erleuchteten Himmel werden jäh zurechtgestutzt auf unseremersten Campingplatz in Delta Junction, ca 200 km jenseits der kanadischen Grenze: 35 US$ für ein Stückchen Schotter, zwei kümmerlichen Duschen und einen Nachbarn, der aus unerfindlichen Gründenmorgens um kurz vor sechs den Motor seines 10 Meter Wohnmobils eine viertel Stunde lang laufen läßt. WOW! Davon war bei Jack London nichts zu lesen!

 

Schnell weiter Richtung Fairbanks. Am Rivers Edge Campground begegnen wir einer eingefleischten Reisegemeinde. Hier werden Erfahrungen und Tips ausgetauscht: Thomas aus Südtirol durchquert mitseinem Liegerad Alaska, Roland aus München im alten (in Guatemala gekauften) Bulli, Lehel und Laura aus North California im 68er Unimog, Gene und Gayl aus Wisconsin im popligen Ford F250Pickup-Camper, Haye und Willeke aus den Niederlanden in ihrem wunderschönen HJ45 Landcruiser. Da wird viel erzählt und gefragt und nachgehakt, und nach zwei milden Nächten an den Ufern des Chena Rivers stehen in groben Umrissen unsere weiteren Pläne für Alaska fest:

 

Erstes Ziel: Denali Nationalpark,rund 200 km südlich von Fairbanks. Mitten drin der „Berg aller Berge", Mt. McKinley. Mit 6.194 Metern ist er der höchste Nordamerikas. Benannt wurde er nach dem ehemaligen US-Präsidenten WilliamMcKinley. Alle Welt hier nennt ihn allerdings schlicht „Denali", die indianische Bezeichnung für „der Hohe", und dem wollen wir uns anschließen. Das Problem mit dem Denali ist, daß man ihn –statistisch gesehen – im Hochsommer nur jeden 3. Tag zu Gesicht bekommt. In der übrigen Zeit verhüllen Wolken die Sicht auf den Berg. Das zweite Problem ist, daß, wer in den Park hinein will,angewiesen ist auf das reservierungs- und kostenpflichtige Shuttle-Bus-System. Mit eigenem Wagen dürfen nur Inhaber reservierter Plätze auf dem Teklanika River Campground sowie Einwohner deseinstigen Minendorfes Kantishna rein in den Park. Das ist schade, macht aber Sinn: 60 Busse, in jedem ca. 30 Fahrgäste, fahren täglich durch den Park. Man stelle sich diesen Besucherandrang inPrivatfahrzeugen vor: ähnlich Zustände wie am Inntaldreieck!

 

Im Internet checken wir die Wetterprognose: Dienstag soll die Bewölkung aufreißen. Heute ist Sonntag! Schnell ein Anruf unter 1-800-622-PARK und Plätze in einem der Busse reservieren. Für die11-stündige Tour zu den Wonder Lakes um 6.45 Uhr kriegen wir noch zwei Plätze. Fix buchen, Kreditkartennummer durchgeben, bingo, wir haben die Tickets.

 

Zwei Tage später sitzen wir imzweckentfremdeten Schulbus und nähern uns bei kristallklarem Wetter dem Denali. Gleich auf den ersten Kilometern beobachten wir im Tal Karibus – nordamerikanische Verwandte der nordeuropäischenRentiere – beim Frühstücken in der Morgensonne. In der Ferne erkennen wir einen Elch und kurz darauf entdecken wir unseren ersten Grizzly: ein einsames Männchen schlendert entlang einesBergkammes an uns vorbei. Knuffig sieht es aus, kraftstrotzend zwar aber irgendwie auch harmlos aus der Ferne, Bine meint "süüüüß". Und dennoch möchte man ihm nicht zu nahe kommen. Kurzdarauf eine Mutter mit ihren Drillingen, die in einem Tümpel ein kühlendes Bad nehmen. Und dann noch mal eine dreiköpfige Familie, die ein Erdhörnchen jagt. Wir glauben, wir sitzen in einem NationalGeographic Movie und beinahe spielt der eigentliche Held eine Nebenrolle: Denali erhebt sich majestätisch über die ungezähmte Natur. Zwischen Wonder Lake, an dessen Ufer wir eine einfache Brotzeitnehmen, und seinem Gipfel beträgt der Höhenunterschied 5.500 m. Selbst im Himalaja gibt es keine so steil aufragenden Bergmassive! Spät abends sitzen wir geplättet von den Erlebnissen deszurückliegenden Tages in unserer Kabine und wissen: wir sind ihm ein anständiges Stück näher gekommen, dem Alaska Jack Londons!

 

Zurück nach Fairbanks. Für einen Komplettcheck der gesamten Ausrüstung nehmen wir uns einen vollen Tag Zeit. Wir füllen alle Dieseltanks und Reservekanister auf, den Wassertank sowie dieLebensmittelkiste. Am nächsten Tag verlassen wir die Zivilisation, es geht ab in die Wildnis:

 

Entlang des DaltonHighways wollen wir über den Polarkreis hinaus durch einsame Tundra zur arktischen See ganz im Norden Alaskas. Der Highway verläuft entlang der Trans-Alaska-Pipeline und dient vornehmlich alsVersorgungsstrecke für die Ölfelder in der Prudhoe Bay. „Highway" ist allerdings ein ziemlich schmeichelhafter Ausdruck für eine rauhe, über 600 km lange Piste, über die der Reiseführer meint, sieerfordere hohe Ansprüche an das Fahrzeug ebenso wie an den Reisenden. Der längste Abschnitt ohne jegliche Versorgungsmöglich (zwischen Coldfoot und Deadhorse, ... herrlich, diese Namen!) beträgt 368Kilometer. Durchaus möglich, daß in diesen entlegenen Stationen die eine oder andere Pumpe „out of order" ist. Unsere Spritreserven müssen also dementsprechend kalkuliert sein. Lebensmittel gibt esüberhaupt nicht zu kaufen. Für acht Tage bunkern wir reichlich Essen.

 

Die ersten Kilometer ab Livengood - mile zero des Dalton Highways – gelten laut „The Milepost" (die heilige Bibel aller Alaskareisenden) als harmlos. Doch wegen des trockenen Sommers stehen großeTeile der Wälder hier oben in Flammen. Die starke Rauchentwicklung schränkt die Sicht enorm ein. Streckenweise sehen wir keine 200 Meter weit. Erst nach ca. 90 km - nördlich des Yukon Rivers - wirddie Luft klar und der Blick frei. Wir durchfahren bergiges Land und halten nach Bären, Elchen und Karibus Ausschau. Die Ölpipeline parallel der Piste paßt so gar nicht ins Bild. Sie stört während dergesamten Fahrt und erinnert uns daran, daß der Mensch diesen Planeten flächendeckend für sich vereinnahmt hat.

 

Gelegentlich kommt uns ein schwererLastwagen entgegen. Dann heißt es für uns: stark abbremsen, so weit nach rechts, wie es die Piste zuläßt und drei Hallelujah in den Himmel stoßen, daß die Windschutz-scheibe heile bleibt. Sovielvorneweg: sie bleibt es nicht. Ein 30 cm langer Riß auf der Fahrerseite und zwei weitere Einschläge rechts sind am Ende unsere stolzen Trophäen, die wir mitnehmen.

 

Auf einer Anhöhe inmitten der Urlandschaft verbringen wir die erste Nacht. Um uns herum wildes, von der Pipeline vernarbtes Nordland, von einem endlosen Sonnenuntergang erleuchtet. Erst gegenMitternacht ist es richtig dunkel, und bald schon dämmert es wieder im Osten. In den kurzen Stunden der Dunkelheit halten wir nach Nordlichtern Ausschau, aber in dieser Nacht bleibt das Farbenspielaus. Und dennoch: wenn wir der Pipeline den Rücken kehren und in die Ferne blicken, haben wir das Gefühl, angekommen zu sein im Alaska Jack Londons.

 

Am nächsten Tag überqueren wir den Polarkreis. Wir lassen allmählich die Baumgrenze hinter uns und tauchen in karge Tundra ein. Hier herrscht Permafrost: der Boden ist ganzjährig gefroren. Selbstdas warme Sommerwetter – beachtliche 18 Grad zeigt unser Thermometer an – kann dem Dauerfrost nur oberflächlich etwas anhaben. Unter einer dünnen aufgetauten Schicht bleibt's frostig,weshalb Regen und Schmelzwasser nicht versickern, sie verbleiben in Teichen und Seen an der Oberfläche. An einem dieser Seen holen wir das Kanu vom Dach und paddeln los. Lange dauert die Fahrtnicht. Schon nach der übernächsten Biegung verengt sich der See zum kleinen Bach, wir müssen umkehren. Aber hier, abseits des Highways und der Pipeline herrscht eine Stille und Abgeschieden- heit,die greifbar ist, mit allen Sinnen spürbar. Hier ist der Mensch nur Gast!

 

Dann quält sich Lucy über steinige, steile Piste den Atigun Paß hinauf. Im ersten Gang erreichen wir wenig mehr als Schrittgeschwindigkeit. Der Diesel zieht röchelnd die vier Tonnen in die Höhe und kommt dabei gewaltig ins schwitzen. Die Nadel der Temperaturanzeige bewegt sich beängstigend weit nach rechts. Da kommen Erinnerungen auf an Getriebeschäden nach steiler Paßfahrt in Norwegen, ebenfalls oberhalb des Polarkreises. Doch Lucy hält sich tapfer. Als wir schließlich den Gipfel erreichen, atmen wir alle drei tief durch. Wir rauschen auf der anderen Bergseite hinunter ins baumlose Tal und verbringen die Nacht am fischreichen Galbraith Lake. Andere haben uns erzählt, daß hier das Fischen zum Kinderspiel wird. Aber mich umgibt eine Aura, die alle Fische auf diesem Planeten panikartig in die Flucht schlagen läßt. Ich hab's versucht - und immerhin für 50 Dollar eine Lizenz besorgt - aber ohne Erfolg (in den Zeiten, als der Mensch als Jäger und Sammler durch die Wildnis zog, hätte ich zusehen müssen, als Medizinmann oder Felsmaler über die Runden zu kommen, andernfalls hätte es ein jämmerliches Ende mit mir gegeben). Kein frischer Fisch überm Feuer also an diesem Abend, statt dessen feines Ratatouillie von Sabine zubereitet. Auch gut!

 

Am nächsten Tag erreichen wir Deadhorse an der Prudhoe Bay, dem Endpunkt des Dalton Highways. Der Name versteht sich ganz

augenscheinlich als Metapher: eine deprimierende Ansammlung von Wellblechhütten, Lastwagen und Ölfässern (nein, keine toten Pferde) bilden den nördlichsten Außenposten der USA; und eine gewaltige Ölförderanlage etwas weiter Richtung Polarmeer. Die erreicht nur, wer harte Dollar für eine geführte Tour über einen ölverschmierten Tresen schiebt. Doch das Wetter ist mies, die Temperaturen vieleninnerhalb weniger Kilometer von 16 auf 8(!) Grad, eine dicke Wolkenschicht liegt über dem Ort, während 30 km weiter im Süden die Sonne scheint.

 

Eigentlich wollten wir die Nacht hier verbringen, dochuns hält nichts außer ein Dieselfaß, daß wir um 160 Liter erleichtern und ein kleiner Laden, in dem wir das begehrteste Souvenir des ansonsten trostlosen Kaffs erwerben: einen Aufkleber, auf dem zulesen ist: „A rough & „rocky" ride: JAMES DALTON HIGHWAY; Livengood to Deadhorse".

Drei Tage später sind wir wieder in Fairbanks. Der gekaufte Aufkleber prangt für alle sichtbar an der Tür zur Wohnkabine und wir genießen elektrischen Strom, heiße Duschen, Spülklos und drahtlosesInternet. Auch davon steht nichts in Jack Londons Büchern, ... aber ... das geht schon in Ordnung ...!

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Mathilda ist verkauft! Es lebe Betty ....

 

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Jürgen

(Mittwoch, 1. Juli)


"Hallo ihr Lieben,

ich verfolge eure Reisen schon lange, das ist euer - womöglich - bester und aufrüttelndster Blogbeitrag. Ich selber hab Indien seit 1993 schon mehrfach besucht, lebte fast 3 Jahre in Bangladesh (zuvor 13 Jahre in China und 4 Jahre in Indonesien) und lebe und arbeite mit meiner Familie seit 20 Jahren in Asien. Und Yogalehrer bin ich auch noch... Von daher: gut beobachtet! Weiter so...


Viele Grüsse und weiterhin ein gutes Auge, offenes Herz und Mut zum Schreiben der Wahrheit wünscht
Jürgen"

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