Mexiko - ein Nachwort

Hernán Cortés liebte ganz offensichtlich den theatralischen Auftritt. Als er gebeten wurde, seine Eroberung Mexiko zu beschreiben, reagierte er wortlos. Statt dessen nahm er ein Blatt Papier, zerknüllte es und legte es auf den Tisch.

 

Fast 500 Jahre später sitzen wir Abends zusammen mit Marc und Lisbeth am Strand von Xpu-Ha, 100 km südlich der Touristen-Maschine Cancun auf der Halbinsel Yucatan und grübeln darüber, was uns Cortés wohl sagen will. Die Temperaturen sind um diese Zeit noch immer ziemlich hoch, 28 Grad schätze ich mal. Erst in den frühen Morgenstunden fallen sie auf Werte, die man mit ein bißchen Wohlwollen als kühl bezeichnen würde. Der weiße Sand unter unseren nackten Füßen ist so fein, daß wir selbst beim Duschen Probleme haben, ihn von unserer Haut zu spülen. Er kriecht wie Flüssigkeit in alle Ritzen Lucys und sorgt dafür, daß unser blau-gelber Handfeger Karriere macht: für ein paar Tage wird er zum bedeutendsten und meistbenutzten Besitz in unserer Wohnkabine. 50 Meter unterhalb unseres Standplatzes rollen die Wellen der Karibik an einen weiten Strand. Tagsüber leuchtet das Wasser in einem so klaren Türkis, als hätte der Maya-Schöpfergott Itzamaná in einer übermütigen Stunde einen Eimer wertvoller Ölfarbe umgeschüttet. Der Himmel über dem Meer ist von einem reinen Blau. Am Horizont bauen sich jeden Nachmittag bedrohliche Wolken auf. Aber die rücken nicht näher und versperren der Sonne nicht die Sicht.

 

Die Karibikküste Yucatans ist fest in der Hand US-amerikanischer Pauschaltouristen. Allein entlang der 22 km langen ‚Zona Hotelera’ in der Retortenstadt Cancun reihen sich 143 Hotels mit 26200 Zimmern aneinander. Über 3 Millionen Besucher kamen im Jahr 2000, ein Drittel aller touristischen Devisen des Landes werden hier erwirtschaftet. Die zahlungskräftigen Touristenmassen versperren den Mexikanern den Zugang zu ihren eigenen Stränden. Möchte jemand runter ans Wasser, landet er früher oder später am Pförtnerhaus eines der Clubhotels. Wer amerikanisch (oder europäisch) ausschaut, darf passieren, wer mexikanisch ausschaut muß erstmal nachweisen, daß er registrierter Gast ist, ansonsten endet hier der Strandausflug. Freie Zugänge zur Karibik gibt es an Yucatans Südküste immer weniger.

 

“Popre México, tan lejos de Dios y tan cerca de los Estados Unidos“ – “armes Mexiko, so weit weg von Gott und so nahe an den Vereinigten Staaten“, sagte vor hundert Jahren der mexikanische Politiker (und Diktator) Porfirio Díaz. Da hatte er schon ein bißchen recht, haben wir den Eindruck. Der übermächtige Nachbar im Norden drückt seinen Stempel auf dieses Land wie das Brandzeichen auf ein Texas-Rind. Coca-cola-rot-weiß scheinen die Landesfarben von Mexiko zu sein, man sieht sie überall: auf Kolonialplätzen, zwischen Aztekenruinen und am hinterlegendsten Maya-Steh-Imbiß. Nur auf einem Mülleimer haben wir sie nicht gesehen. Vielleicht sollte Coca-Cola dazu verpflichtet werden, neben jeder großflächigen Fassadenbemalung auch gleich eine Abfalltonne zu installieren. Das könnte ein Anfang sein zur Lösung des mexikanischsten aller Probleme: wohin mit dem Müll. Der nämlich landet in der Regel am Straßenrand, in Vorgärten oder am Strand. Hier in Xpu-Ha z.B. müssen wir höllisch aufpassen, auf dem Weg zum Wasser nicht in alte Ölkanister, demolierte Strandstühle und …(?) … richtig, … Coca-Cola-Dosen zu treten.

 

US-amerikanische Firmen kaufen die Ernteerträge des hiesigen Bohnenanbaus in großen Mengen auf, packen sie in Tüten mit nettem folkloristisch-mexikanischem Design und verkaufen sie wieder in Mexiko, allerdings zu einem Preis, den sich ein armer Landarbeiter in Veracruz nicht leisten kann. Menschen hungern in Mexiko, obwohl das Land genügend Nahrung für alle hätte. In ihrer Armut machen sich zahllose Verzweifelte Richtung Norden auf und versuchen, illegal in die USA einzureisen. Viele tun dies, indem sie die Wüsten zwischen Sonora (Mexiko) und Arizona (USA) zu fuß durchwandern. Und viele schaffen es nicht: in den Jahren zwischen 1996 und 2001 starben über 2000 Flüchtlinge entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Was für eine bittere Ironie: Richtung Norden versperrt ein hochgerüsteter High-Tech-Zaun den Menschen den Weg, Richtung Süden der selbstgefällige Pförtner eines Clubhotels.

 

Zwischen diesen beiden 'Grenzen' sind wir fast vier Monate unterwegs gewesen und haben ein glanzvolles aber auch schattenreiches Land kennen- und schließlich liebengelernt: wir sind durch kakteenbestandene Wüsten gereist und durch tropisch wuchernde Wälder, über steile Bergpässe und entlang palmenbestandener Strände. Wir durchmaßen prachtvolle Tempel der Maya und Azteken und entdeckten Kolonialstädte, die uns glauben machten, in Europa unterwegs zu sein. Auch verkehrstechnisch betraten wir ungeahntes Neuland: ‚Augen zu und durch’ klappt zumindest auf Mexikos Strassen besser als gemeinhin angenommen.

 

Wir lernten arme und lebensfrohe, ruppige und liebenswerte Menschen kennen: herrlich stolze Männer, die einen pubertären Macho bis ins hohe Alter pflegen und deren Vorliebe für laute Musik aus zweitklassigen Anlagen gelegentlich jedes Wohlwollen auf eine harte Probe stellt; starke, anmutige Frauen, herzlicher und gastfreundlicher als ihre Männer, reifer sowieso und auch gnadenloser beim Aushandeln eines Preises für einen Übernachtungsstellplatz. In der Baja California hatten wir es mit korrupten Polizisten zu tun und in San Miguel de Allende mit Verbrechern, die in Lucy eingebrochen waren. Dennoch haben wir uns insgesamt sicher und von Uniformierten - ob Polizei oder Militär - fair und korrekt behandelt gefühlt. Wir lernten Spanisch bei der wunderbaren Lupita und erweiterten unsere Kochkenntnisse dank Felix, dem sanftesten und charismatischsten aller Köche; bei Silvano bekamen wir ein Lehrstunde zum Thema "Leichtigkeit des Seins" und Caesar aus San Christobal de las Casas verkörperte für uns das politische Gewissen Mexikos.

 

Wir waren willkommene Gäste in diesem Land, aber immer auch Außenstehende aus einer anderen Welt. Die kulturelle und materielle Kluft zwischen Gast und Gastgeber ist so groß, daß Kontakte – anders als in den Staaten oder Kanada – schwieriger herzustellen waren und über die Begegnung hinaus kaum Bestand haben werden. Nicht eine Privat-Adresse (außer Lupitas) nehmen wir aus Mexiko mit, dafür einen prall gefüllten Koffer voller starker, unvergeßlicher Erlebnisse.

 

Bleibt – bevor es weiter nach Belize geht - zu klären, was denn nun die Botschaft war, die Cortés mit seinem Auftritt der Nachwelt hinterlassen wollte? Nichts von allen tiefgründigen Deutungen, die wir in dieser Nacht in Xpu-Ha am karibischen Strand bei etlichen Gläsern Wein zusammenreimen, trifft den Kern. Cortes war Theatraliker, aber womöglich kein Philosoph. Das zerknüllte Papier versinnbildlichte lediglich die zerklüftete Bergwelt Zentralmexikos. Und weil diese Erklärung doch recht ernüchternd ist, schließen wir mit einer anderen frühen Ansicht über dieses Land. Alexander von Humboldt meinte nach seiner Mexikoreise 1803/04: „Wenn man nur ein Fleckchen dieser Erde als Paradies bezeichnen dürfte, es müßte … Mexiko sein.“

 

In diesem Sinne: "hasta la vista, Mexico!"

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