Sudan

Sudan ist touristische Brache. Es gibt keinen deutschsprachigen Reiseführer über das größte Land Afrikas, und was die heimische Presse schreibt, vermag uns nicht so recht in ekstatische Vorfreude zu versetzen:

 

"Am 9. Januar (2011) soll die Bevölkerung im Süden Sudans per Referendum über eine Unabhängigkeit von Khartum abstimmen. So sieht es der vor fünf Jahren geschlossene Friedensvertrag zwischen Norden und Süden des Landes vor.

Das Ergebnis dieses Referendums steht längst fest: Ein Verbleib in der Islamischen Republik Sudan ist für die Mehrzahl der animistisch-christlichen Südsudaner nach 22 Jahren Krieg mit mehr als zwei Millionen Toten undenkbar. Weil das so ist, wächst international die Nervosität, ob der alsbald jüngste Staat Afrikas seine Unabhängigkeit nicht mit einem Krieg beginnt. Denn der Norden will den Süden nicht einfach ziehen lassen. Dafür ruht unter den Böden des Südens zu viel Öl ... ." (Süddeutsche Zeitung)

 

Es ist der späte Vormittag des 14. Dezember 2010. Seit 17 Stunden teilen wir mit rund 500 weiteren Fahrgästen den engen Raum auf einem Fährschiff, dessen beste Jahre vermutlich in alten Kolonialzeiten liegen. Einige kühne Touristen, ansonsten fast ausschließlich Menschen mit dunkler Hautfarbe - Männer mit Turban und Jalabiya, Frauen mit bunten, den Körper kunstvoll umhüllenden Tüchern - sind auf dem mächtigen Nassersee unterwegs von Ägypten nach Sudan. Wegen Grenzstreitigkeiten gibt es keine Straßenverbindung zwischen den beiden Ländern. Die einzige Möglichkeit, in Sudan einzureisen ist dieser schmierige Pott, der einmal die Woche zwischen Assuan und Wadi Halfa verkehrt. Auf dem Schiff stapeln sich Tonnen von Handelsgüter: Möbel, Kühlschränke, Textilien in Nylonsäcken, Computerbildschirme, Lebensmittel, Spielzeug - man mag es gar nicht glauben, aber das komplette Warenlager eines gut sortierten Carrefour scheint auf wundersame Weise Platz auf der "Sina" zu finden.

 

In der Nacht rollten wir unsere Isomatten und Schlafsäcke auf den Decks aus und lagen da wie die Ölsardinen in einer fettigen Blechdose. Wer aufs unappetitliche Klo musste, sah sich mit einer schier unüberwindbaren Herausforderung konfrontiert: stieg über Kartons, Stoffballen und Menschenleiber, immer in der Sorge, auf dunkelhäutige Gliedmaßen zu treten. Windig und kalt war's, aber ein gnädiger Nachthimmel tröstete uns mit unvergesslichen Sternschnuppen! Und als sich irgendwann die Sonne im Osten über den Horizont stemmte, wussten wir: ab heute kann uns nicht mehr erschüttern.

 

Trilliarden von kleinen Insekten eskortieren uns auf den letzten Kilometern über Wasser. Sie stechen nicht, aber sie sind lästig. Wadi Halfa kommt ins Blickfeld: ein einsamer Kai und zwei Lagerhallen des Zolls an Land. Dahinter erstreckt sich die felsige Wüste, in der Ferne ist ein Dorf zu erahnen. Nach dem Anlegen müssen wir die Inspektion durch die Behörden abwarten, unser Gepäck wird vom Zoll oberflächlich durchsucht, dann befinden wir uns endgültig in Sudan. Wir quetschen uns in einen antiquierten Landrover, der uns gegen ein absurdes Entgelt in den Ort fährt. Unsere Fahrzeuge sind auf einem getrennten Ponton unterwegs, der erst am nächsten Tag hier anlanden wird.

 

Wadi Halfa ist nicht viel mehr als ein staubiger Fleck auf einer verblichenen Landkarte. Die Straßen sind breit und immer wieder durch große Freiflächen unterbrochen; Sudan hat überall viel Platz. Die Menschen wohnen in einstöckigen Lehmhäusern im nubischen Stil mit bunt bemalten Türen, die aus dem Erdbraun hervorstechen. Wir brauchen ein Hotelzimmer für die Nacht und landen in einem Raum, in dem rund 15 Bettgestelle stehen, darauf fleckige Matratzen, die als paradiesischer Mikrokosmos für Kleinstwesen wie Wanzen und Flöhe gelten dürften. Als Dusche dient ein Eimer, die Toilette ist ein Loch im Boden.

 

Rund um einen staubigen Platz unweit unserer Herberge reihen sich etliche einfache Lokale aneinander. In großer Runde sitzen wir da am Abend, bestellen gegrillten Fisch oder Huhn, Reis und Gemüse - leider kein kühles Bier dazu, das gibt es nirgends im Land. In Sudan gelten die Gesetze der Scharia. Wer Alkohol trinkt, riskiert es, öffentlich ausgepeitscht zu werden. Dennoch: das schmackhafte Essen weckt unsere Lebensgeister, öffnet uns die Augen für das Geschehen um uns herum: eine fremde, jedoch heitere, bunte und keineswegs bedrohlich wirkende Welt. Das Leben spielt sich in den Straßen ab - auch das der Frauen. Man lässt uns in Ruh. Niemand kommt daher und will ein Geschäft mit uns abwickeln. Und wenn Worte wechseln, dann aus aufrichtiger Höflichkeit. Das Arabisch der Sudanesen ist viel weicher als das der Ägypter. Wenn sie sprechen, dann klingt das so, als rezitierten sie ein Liebesgedicht. Bei Ägyptern hingegen meinte man immer, einer Kriegserklärung zu lauschen.

 

Die Nacht im Schlafraum dient wieder nicht der Erholung. Europäer und Sudanesen liegen in trauter Gemeinsamkeit beieinander. Statt eines Wiegenliedes erfüllt eine Dauerberieselung von grunzenden, schnarchenden und schmatzenden Klängen den Raum. Ein Einheimischer hat einen abnormen Schlafrhythmus: stündlich wacht er auf und zündet sich eine Zigarette an. Ein anderer kommt erst gar nicht zur Ruh, sitzt die halbe Nacht aufrecht in seinem Bett und starrt durch den vom fahlen Mondlicht erhellten Raum auf die bis zur Nasenspitze zugedeckten weißen Frauen. Und was seine Hände da unter der Decke anstellen, wollen wir besser gar nicht hinterfragen.

 

Am nächsten Tag müssen wir uns in der Polizeistation registrieren lassen. Die Prozedur ist weitgehend unverständlich, sie dauert lange und schließt eine Art Schnitzeljagd durch verschiedene Büros ein. Dennoch bleibt die Atmosphäre stets nett und entspannt. Am frühen Nachmittag schließlich erreicht der Ponton mit den Fahrzeugen Wadi Halfa. Noch einmal durchleben wir eine geradezu kafkaesk anmutende Bürokratie, bis wir aus dem Hafengelände fahren können. Auch diese Hürde ist bis zum Abend genommen und damit ist es vollbracht: wir haben das engste Nadelöhr unserer Reise bewältigt; das wäre ein Grund zu feiern. Nur wie, so ganz ohne Bier ...?

 

Ein großartiges Team von Overlandern löst sich auf. In den letzten Tagen haben wir einander gestützt und geholfen. Reisende sind Individualisten, doch hier haben wir uns als Reisegefährten begriffen. Da hat sich ein fröhliches Kollektiv geformt, das diesen schwierigen Abschnitt auf unserem Weg Richtung Süden nicht nur erträglich gestalten ließ, sondern sogar zunehmend angenehm und amüsant. Jetzt aber freuen sich alle auf ein menschenleeres Sudan.

 

Eine hervorragend ausgebaute Straße durchschneidet Anfangs in einigem Abstand zum Nil ein steiniges, graubraunes Land, dass 1988 zum letzten mal ein paar Tropfen Regen abgekriegt hat. Wir rollen über aalglatten Asphalt, die Seitenscheiben sind bis zum Anschlag geöffnet, ein heißer Wüstenwind pfeift uns um die Ohren, Donavon Frankenreiters Musik hält tapfer dagegen. Wir fliegen! Die Nacht verbringen wir in völliger Stille und Einsamkeit auf einer kleinen Anhöhe inmitten des großen Nichts. Wir liegen in unserem Bett, blicken aus der geöffneten Dachluke hinaus in den prachtvollen Sternenhimmel und fallen schließlich in einen erholsamen, wohlverdienten Schlaf.

 

Die Straße erreicht den Nil und folgt von nun an immer wieder der grünen Pulsader Sudans. Auf diesem schmalen Band, dass durch die knochentrockene Wüste mäandert, wächst, was das Land zum Überleben braucht. Die lebensstiftende Kraft von Wasser kann kaum eindrucksvoller offensichtlich werden. Die Dörfer und Städte am Fluss sind verstaubte, trostlose Ansammlungen eingeschossiger Lehm- oder Ziegelbauten mit dem architektonischen Charme eines ostsibirischen Kasernenhofs - und das ist schmeichelhaft zu verstehen. Unser (englischsprachiger) Reiseführer beschreibt sie durchweg als nette Orte, die zum Verweilen und Entspannen einladen. War der Autor auf Koks, als er durchs Land reiste? Und wenn ja: was sieht die Scharia als Strafe für solch ein Vergehen vor?

 

Wir reisen durch das Gebiet eines alten Königreichs. Vor rund 2800 Jahren formte sich das Herrschaftsgebiet von Kush. Unser Reiseführer gibt nur wenig Informationen über diese geschichtliche Phase her - die Könige sahen sich als die wahren Bewahrer der ägyptischen Religion und Kultur, so etwas in der Art. Und tatsächlich hinterließen sie der Nachwelt Pyramiden, und zwar derer viele. Unweit von Meroe, der alten kuschitischen Hauptstadt ragen rund 100 aus dem Wüstensand wie "abgebrochene Zähne" (schreibt unser zugekokster Reiseführerautor). Sie sind wesentlich kleiner als ihre Vorbilder in Ägypten, aber sie umgibt eine mystische Schönheit, von der Gizeh weit entfernt ist. Der Ort verfügt über kaum eine touristische Infrastruktur - wozu auch in einem Land, in dem es so gut wie keine Touristen gibt. Wir wandern über orangefarbene Sanddünen, die die Pyramiden belagern und scheinen eine vergessen geratene, historische Stätte zu entdecken wie die frühen Forscher. Keine Souvenirstände, keine Coca-Cola Automaten, keine Lasershow nach Sonnenuntergang - nur wir und die Pyramiden und die Wüste. Wir campen unweit der Stätte. Bis in die Dunkelheit hinein sitzen wir auf einem Felsen und blicken auf die alten Mauern. Hinter den Dünen steigt ein silbriger Vollmond auf und wirft sein blasses Licht auf Meroe. Wir erspüren die Kraft eines Ortes, der von Göttlichkeit und Schöpfung zu erzählen weiß, von Vergänglichkeit und Ewigkeit.

 

Die Vier-Millionen-Stadt Khartum kündigt sich an - mit schier endlosen grauen Vorstadtwucherungen, mit dichterem aber fliesendem Verkehr, in dem "Tuk-Tuks" - aus Indien importierte kleine dreirädrige Taxis - das Regiment übernehmen. Die Stadt liegt am Zusammenfluss von Weißem und Blauen Nil und das lässt sie dreiteilen: Das eigentliche Khartum, schachbrettartig von den Briten nach 1898 aufgebaut, breitet sich am südlichen Ufer des Blauem Nils aus. Nördlich davon befindet sich Khartum-Nord, und westlich des Flußdreiecks ist Omdurman. Es gibt laut Reiseführer eine Adresse, wo man sicher und beschaulich campen kann. Sie hat den rosigen Namen "Blue Nile Sailing Club", liegt tatsächlich direkt am Nil und überdies ziemlich zentral. Darüber hinaus aber hält der staubige Platz nichts, was sein Name verspricht. Wir parken zwischen Bootswracks und Eisenschrott direkt neben einer lärmenden Straße. Die brennende sudanesische Sonnen grillt Mathilda wie ein Wienerwald-Hähnchen und keine 50 Meter von uns entfernt dröhnt ein untalentierter Muezzin seinen Gebetsaufruf schallverstärkt in unsere geplagten Ohrmuscheln. Wir sind an einem Ort gestrandet, an dem uns nichts hält außer ein funktionierendes Internet (das erste im Land) und der Aussicht, unsere Lebensmittelreserven für die nächsten Wochen aufzustocken sowie unser Fahrzeug auf Fordermann zu bringen: Abschmieren, Filter reinigen ... das übliche Verwöhnprogramm.

 

Noch ein bisschen weiter den Nil entlang Richtung Süden, dann biegen wir nach Osten ab, der äthiopischen Grenze entgegen. Erste Grasbüschel wachsen aus dem kargen Boden, bald sind es Sträucher, schließlich knorrige Bäume. Seit Syrien bewegten wir uns mit kurzen Ausnahmen durch Wüsten, hier stoßen wir an deren allmähliche Grenzen. Die Sahelzone empfängt uns mit Dörfern aus einfachen Rundhütten, bedeckt mit Grasdächern. Die Hautfarbe der Menschen ist noch eine Spur dunkler, ihre Gesichtszüge weicher, die Lippen voller. Kenner behaupten, dass Afrika erst südlich der Sahara beginnt. Wenn dem so ist, dann haben wir es nach fast 4 Monaten erreicht.

 

Will man das Unterwegssein genießen, muss man auch Geschmack an Rückschlägen und Unannehmlichkeiten finden. Stundenlanges Warten auf ein Amtspapier? Eine gute Gelegenheit, das geschäftige Treiben auf der Straße vor der Behörde zu beobachten. Abgezockt auf dem Markt? Eine tolle Lehrstunde über wirtschaftliche Gepflogenheiten und Rituale in anderen Kulturkreisen. Durchfall? Malaria? Denguefieber? Eine prima Chance, ein völlig anachronistisches Gesundheitssystem kennenzulernen. Zumindest aber hat man eine klasse Geschichte. Man muss Rückschläge nicht nur verkraften, sondern versuchen, den möglichen Gewinn darin zu erkennen. Sudan ist in dieser Disziplin ein wunderbares Trainingsfeld. In Gedaref, dem letzen nennenswerten Ort vor der äthiopischen Grenze, rollen wir durch ein harmloses Schlagloch, als es einen metallischen Knall macht, der sich gar nicht gut anhört. Zwei Blattfedern sind hinten rechts gebrochen, unter anderem die, welche das Federpaket am Rahmen hält. Eine großartige Gelegenheit, die legendäre Improvisationskunst afrikanischer Automechaniker mit eigenen Augen zu erleben. Wir fahren in Schrittgeschwindigkeit zu einem staubigen Acker am Ortsrand, wo Trucker ihre Fahrzeuge reparieren. Vier freundlich streitbare Mechaniker - des Englischen nicht fähig - liegen unter Mathilda, palavern in ihrem weichen Arabisch, als gelte es, eine neue sudanesische Verfassung zu erarbeiten, schweißen, hämmern und schrauben, und nach zwei Stunden präsentieren sie uns stolz ihr Ergebnis: Sie konnten das Federpaket nicht ausbauen, die Schrauben sitzen zu fest, ihr Werkzeug ist damit überfordert. Statt dessen haben sie zwei Bügel 'ranmontiert, die die Blätter zusammenhalten, ein bisschen an der Bruchstelle geschweißt - sollte bis Äthiopien halten.

 

Ob das der Fall sein wird? Eine gute Geschichte verspricht es allemal. Im nächsten Bericht ...!