Türkei II

Als sich meine innere Stimme schließlich meldet, ist es eigentlich schon zu spät. Dass mir das immer wieder passiert ...! Jedenfalls flüstert sie mir subversiv ins Ohr: "Hallo lieber Michael, ich bin es, Deine innere Stimme, Du erinnerst Dich sicherlich. Folgendes: die Situation gerade stellt sich so dar: Zwischen Dir und dem Erdboden liegen ca. 550 Meter laue Luft plus ein recht dünnes Brett, dass von einem Korbgeflecht gehalten wird und das außer Dir noch 18 weitere Menschen trägt. Und hier meine Frage, lieber Michael: findest Du wirklich, Du gehörst hier hin ...?"

Doch der Reihe nach: 4 Wochen Buchten und türkisblaues Meer und Fischessen am Hafen und Abliegen in der Hängematte machen uns satt und träge. Vielleicht haben wir es mit dem Entschleunigen ja ein bisschen zu weit getrieben. Es wird Zeit, den müden Arsch hochzukriegen. Es wird Zeit für Abenteuer. Es wird Zeit für's Reisen. Wir starten Mathilda's Diesel und der lärmt freudig vor sich hin wie ein Meute Huskis, die vor den Schlitten gespannt wird und es gar nicht mehr erwarten kann, bis es endlich losgeht. Wir kehren dem Mittelmeer den Rücken zu und mit ihm eine uns halbwegs vertraute Welt. Die Türkei entlang der Küste hat sich zurechtgemacht für Urlauber, denn die bringen harten Euro. Da gibt es noch Männer in kurzen Hosen, Wein im Supermarkt und Toiletten, auf denen man sitzen kann. Der internationale Tourismus ist die wichtigste Devisenquelle des Landes. Nur: eigentlich bewegen wir uns längst in dem Teil des Landes, der allgemein als Anatolien bezeichnet wird. Und das heißt Asien. Und das heißt Fremde. Gerade mal 3% der Türkei befindet sich auf dem europäischen Kontinent.

Die Fremde holt uns nach wenigen Kilometern Richtung Inland ein. Wir erklimmen das Taurusgebirge. Überwinden in kurzer Zeit 1800 Höhenmeter und mit ihnen den vertrauten Duft Europas. Die Straße folgt einer alten Karawanenroute. Durchschneidet zunächst ein spektakuläres, felsiges Bergland, sinkt dann allmählich hinab auf eine öde, staubige Hochebene, die sich über hunderte von Kilometern nach Osten erstreckt. Sie führt durch schäbige Dörfer, wo einfache Bauern mit Mühe dem kargen Boden eine bescheidene Ernte abringen. Hier trägt der Mann Schnurrbart, ein schlecht sitzendes Sakko und ernsten Stolz vor sich her; die Frau Kopftuch und die Bürde der Ungleichbehandlung. Die Minaretts der Moscheen bestimmen das Ortsbild, und aus Ihnen dröhnt energisch - und elektronisch verstärkt - der Muezzin seinen Aufruf zum Gebet.

Recht viele Tourbusse überholen uns. Sie haben das gleiche Ziel wie wir, werden aber früher angekommen sein. Ansonsten ist der Verkehr spärlich. Wir rollen über endlosen, welligen Asphalt durch ein ausgedehntes Land und wir sind glücklich. Solche Straßen inspirieren uns geradezu zu stiller Andacht. Auf ihnen erleben wir das Unterwegssein in seiner puren Form. Zwei Männer stehen neben ihrem alten Nissan am Fahrbahnrand, halten eine 5 ltr. Trinkflasche hoch und winken uns zu. Sie brauchen Diesel. Wir zapfen einige Liter aus unserem Tank ab und lehnen dankend ab, als sie uns dafür einige zerknüllte Scheine in die Hand drücken wollen. Wir verbringen die Nächte auf dem Parkplatz einer Firma, die Teppiche knüpft oder im trostlosen Hinterhof einer Pension. Das ist Reisen, nicht Urlaub ... .

Dann wird's wieder steinig, und diese Steine sind zauberisch. In der Ferne ragt Vulkan Erciyes imposante 4000 Meter in die Höhe. Was er vor rund 60 Millionen Jahren über das Land spuckte, hat sich durch Wind und Wasser wundersam verwandelt, sagen die Geologen. Felsbänder aus sandfarbenem Tuffgestein mäandern Täler entlang. Über kleinen Städten türmen sich mächtige Kegel. Dazwischen reihen sich angespitzte oder mit Steinkronen geschmückte Säulen, die der Reiseführer poetisch Feenkamine nennt.

 

Wir sind in Kappadokien.

 

Was immer Geologen daherreden - es müssen Götter gewesen sein, die diese Landschaft schufen und sie müssen allesamt auf Speed gewesen sein. "Nie habe ich etwas Derartiges gesehen oder davon gehört", schrieb im Jahr 1712 der Franzose Paul Lucas, der im Auftrag des Sonnenkönigs Ludwig XIV eine Reise nach Anatolien unternommen hatte. "Welchen Nutzen haben zweihunderttausend Pyramiden, so nah beieinander?" Manche erinnerten den Mann an die Jungfrau, andere indes "an nackte Frauen auf Knien, in unschicklichen Positionen", wie er entsetzt notierte. Derlei Assoziationen haben wir nicht, eher meint Sabine, aufgereihte Phalli in stolzer Erektion aus dem Sand ragen zu sehen. Was wir mit Lucas allerdings teilen, ist sein Verwunderung über diese außerirdische Welt.

 

Und da ist noch etwas, dass uns in helles Erstaunen versetzt: Unzählige dieser Steinpyramiden sind mit Eingängen, Fenstern und Luftlöcher versehen. Über vier Jahrtausende hinweg gruben Menschen Fluchtburgen und Kirchen, Lagerräume und Wohnhöhlen in den weichen Stein oder formten daraus ihre Bauten. Das sind Kulissen wie aus einem weiteren Teil von "Krieg der Sterne".

 

Oberhalb des Städtchens Göreme richten wir uns auf einem Campingplatz ein und erkunden die nächsten Tage dieses Wunderland. Wir stählern unsere Waden und wandern stundenlang durch Täler und über steinige Höhen. Wir erkunden aufgegebene Wohnhöhlen und gruseln uns in acht (!) Stockwerke tiefe Fluchtstätten unter der Erde. Geschätzte 150 ausgeklügelte unterirdische Städte mit Ventilationsschächten, Küchen, Wassertanks, Ställen und Latrinen gibt es in Kappadokien, gefunden wurden 36, ein halbes Dutzend sind zugänglich.

Schließlich besteigen wir (und nicht nur wir ...) bei Sonnenaufgang einen Heißluftballon, um über dieses Natur- und Kulturwunder drüber zu schweben. Kaum merklich hebt das Luftgefährt ab, laviert nahe am Boden durch die angespitzten Felsen hindurch oder übersteigt sie ganz knapp, und hat unversehens die Höhe von 550 Metern über Boden für den Panoramablick erreicht. Nur das Fauchen des Brenners unterbricht mitunter die Stille und alsdann auch meine innere Stimme.

 

Und dann geschieht das unverhoffte: Es mischt sich eine zweite Stimme mit ein. Es ist die von Sabine neben mir, und sie sagt: "Spinn' i', oder bin i' im Himmi'?" Sie hakt sich fest bei mir ein und strahlt mit der Morgensonne um die Wette, die sich gerade über den schneebedeckten Gipfel Erciyes' stemmt. Da zieht sich der kleine Wichtigtuer in mir geschlagen zurück und es herrscht wieder Ruhe im Oberstübchen ... .

 

Fotogalerie: Wunderland Kappadokien

Video: Mit dem Heißluftballon über Kappadokien

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Kommentare: 6
  • #1

    Louis (Freitag, 22 Oktober 2010 11:20)

    Also was mir immer am besten bei deinem Blog gefällt, sind die Fotos die du schießt.
    Wirklich gute Fotos.

  • #2

    Boyny (Freitag, 22 Oktober 2010)

    Gabi
    ein Glas Wein, schummriges Licht,
    gute Musik und Dein Bericht.
    Das Leben ist schön! Danke!

  • #3

    cornell w. (Freitag, 22 Oktober 2010 22:21)

    wow,wie superschön sind doch immer deine bilder.ein genuss!es macht soviel spaß,mit auf die reise zu gehen.wir freuen uns sehr euch mal wieder zu sehen.
    schöne zeit und sichere fahrt weiterhin.

  • #4

    Sandy (Samstag, 23 Oktober 2010 00:44)

    Kappadokien -wir wollen auch! :-)

  • #5

    Brigitte (Sonntag, 24 Oktober 2010 21:53)

    Die genialen Texte und dazu die wunderschönen Bilder,was könnte es Schöneres geben, um sich aus dem vorwinterlichen Germering hinweg zu träumen.

  • #6

    Gabi und Sixä (Montag, 25 Oktober 2010 17:37)

    Hi Sabine und Micha,
    bin wieder überwältigt von so viel Schönheit der Landschaft und dass Du es genau so auf Deinen Bildern festhalten kannst. Herzlichen Dank von Gabi

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