Di

25

Okt

2011

Sambia

An Dr. David Livingston kommt keiner so leicht vorbei, der durch Sambia und Malawi reist. Livingston Gedenkstätte, Livingston Safari Lodge, Livingston General Store, Livingston Schule, Livingston Look Out, Livingston Bar, Livingston Coffin Shop … kein Laden, der sich nicht gerne mit seinem Namen schmückt. Der schottische Arzt, Forschungsreisende und Missionar betrat 1841 zum ersten Mal afrikanischen Boden. Fünf Forschungsreisen unternahm er im südlichen Afrika, er gilt als der Entdecker des Malawi Sees und erreichte als erster Weißer 1855 die Victoriafälle im Grenzgebiet zwischen Sambia und Simbabwe (bei genauerem Hinschauen freilich muss man dem Schlawiner beide Lorbeeren wieder abnehmen: an der Kante der Viktoriafälle stand wahrscheinlich bereits vier Jahre früher der Ungar Ladislaus Magyar, und auch im Malawisee schwamm vor ihm höchstwahrscheinlich der Portugiese Candido da Costa Cardoso. Wegen solcher Schummeleien treten heute beliebte Verteidigungsminister zurück …).

Livingston hingegen hat es zur Unsterblichkeit gebracht. Im Städtchen Livingston(!) unweit der Viktoriafälle erreichten wir uns ein Lager in der Waterfront Lodge, und das hat es weiß Gott in sich. Wir campen auf gepflegter Wiese unter schattenspendenden Palmen, mit eigenem Strom- und Wasseranschluss, W-LAN liegt in der Luft, Pool und Bar laden gleich nebendran direkt am mächtigen Sambesi zu einem gepflegten Sundowner ein … hier wie in ganz Sambia betreten wir neuen, tourismusgerechten Boden. Vorbei die Zeiten, wo unsere Klamotten von singenden Wäschefrauen per Hand gewaschen wurden – hier landen sie in einer Waschmaschine. Vorbei die Zeiten, wo eine kalte Dusche als unerwarteter und außerordentlicher Luxus zu bewerten war. Hier sprudelt das Wasser nicht nur aus funktionstüchtigen Duschköpfen, sondern im gesamten Camp aus zuckenden Sprinkleranlagen, die den Fällen zehn Kilometer flussabwärts in nichts nachstehen. Vorbei aber auch die Zeiten, wo unser Camp die Fläche des Saarlands in Anspruch nahm. Hier steht unser Campingnachbar so dicht neben uns, dass wir vom Küchenfenster aus in seinen Kaffeebecher spucken können (was wir – um das klarzustellen - nur in Gedanken tun!). Unsere Reise durch Sambia stellt etwa die gleiche Herausforderung dar wie ein Ausflug an die Ostsee, sieht man mal von den Begegnungen mit einer außer Kontrolle geratenen Tierwelt ab. Doch dazu kommen wir später.

Die Trockenzeit neigt sich dem Ende entgegen. Dass erkennt der aufmerksame Reisende an zwei untrüglichen Indikatoren: es ist brüllend heiß und schwül, und die gewaltigen Viktoriafälle sind zu einem überschaubaren Wasserspiel zusammen-geschrumpft. Immer noch beeindruckend, keine Frage, aber nichts im Vergleich zum tobenden Hexenkessel, der hier während der Regenzeit niedergeht. Als wir an den Fällen stehen, verschlägt es uns dennoch die Sprache. Der Sambesi erreicht kurz vorher eine Breite von 1,6 Kilometern, dann rauscht er entlang einer senkrechten Wand über 100 Meter in die Tiefe. ‚Mosi-Oa-Tunya‘ (donnernden Rauch) hatten die Einheimischen vom Stamm der Kololo die Fälle genannt, und sie bewiesen damit mehr Fantasie als Livingston, dem nichts besseres einfiel, als sie zu Ehren seiner Königin umzubenennen. Ob es nun die größten Wasserfälle auf der Welt sind oder nicht ist unwesentlich. Das Einzigartige an ihnen ist ihre Formation. Vor unseren Augen verschwinden die Wassermassen förmlich in der brodelnden Tiefe. Es ist, als hätte sich in der Erde ein Spalt geöffnet, der alles verschlingt wie ein schwarzes Loch.

Während wir uns die Fälle anschauen, wird unser Lager heimgesucht von einer Horde lümmelhafter Paviane. Sie toben sich in der Hängematte aus, sie reißen den Schlauch unseres Duschsacks weg im Glauben, etwas appetitliches gefunden zu haben, sie vergreifen sich an unseren Büchern (Sabines Buch taugt gerade noch als 1000-Teile-Puzzel) und mit unserer Wäscheleine treiben sie auch so ihren neckischen Unfug. Eine Horde von Pavianen ist wie eine rotzige Bande von Halbwüchsigen. Ich glaube, an diesem Vormittag haben sie sich tierisch gelangweilt, bis einer vorschlug, Touristen zu ärgern. Das fanden alle anderen eine klasse Idee, also zogen sie los und natürlich haben sie sich uns als Opfer ausgesucht und nicht unseren kaffeetrinkenden Nachbarn. Das passiert uns in letzter Zeit öfters mal. Letzte Woche im South Luangwa Nationalpark im Norden Sambias war es eine Horde Elefanten, die die gleiche schelmische Idee hatten. Paviane gehen ja noch als halbwegs niedlich durch. Bei Elefanten hört der Spaß auf. Fünf dieser Tiere zogen durchs Lager, zwei von ihnen nahmen Mathilda in die Mangel. Einer brach mit seinem Rüssel von rechts durch eines der aufgeklappten Fenster, riss das Moskitonetz nieder und tastete sich freudig mit seinem (verrotzten! ) Rüssel durch den Innenraum, der andere tat das gleiche von links durchs Küchenfenster. Gemeinsam ließen sie den schweren Lastwagen mächtig schaukeln. Mit ihren Stoßzähnen ritzten sie auf die Kabinenhaut ihre Markierungen wie es Zorro mit dem Degen tat – nur dass Elefantenstoßzähne etwas mehr Wumm haben. Seit diesem Tag wissen wir, das Elefantenrotze schlimmer riecht als der Furz einer alten Hündin. Die besten Souvenirs, die wir von unserer Reise mit nach Hause bringen werden, sind die Spuren, die Mathilda abbekommen hat und wohl noch abbekommen wird. Unser Gefährt liest sich wie ein Tagebuch …

Apropos South Luangwa Nationalpark: von dem hatten wir uns wirklich viel versprochen. Er gilt als einer der tierreichsten im Lande. Doch in den Tagen unseres Aufenthalts in dieser abgelegenen Wildnis regnet es mehrfach heftig – was eigentlich viel zu früh ist. Doch was schert sich das Wetter schon um Statistiken. In Uganda mussten wir trotz Trockenzeit jeden Tag die Scheibenwischer bemühen, im Osten Kenias blieb der Regen hingegen völlig aus und in Namibia hat es während der letzten Regenzeit sogar geschneit. Nur auf einen verregneten August in Deutschland kann man sich noch 100%ig verlassen. Jedenfalls haben sich am South Luangwa die Tiere wegen des Regens so weit in den Norden zurückgezogen, dass wir kaum welche zu Gesicht bekamen. Ein paar Antilopen, Giraffen und Elefanten, klar, aber ganz ehrlich, das löst mittlerweile eher ein laues Gähnen in uns aus denn enthusiastische Aufwallungen. Das ist die Gefahr des dauernden Reisens: Du vergleichst alles mit dem bereits erlebten, und da war ganz bestimmt immer etwas vorher, das das momentane Erlebnis in den Schatten zu stellen droht.

Das gilt nicht für die Viktoriafälle. Sie sind gewaltig, einzigartig, spektakulär und zauberhaft; sie sind mit nichts zu vergleichen. Tatsächlich begeistern wir uns so sehr für die Fälle, dass wir spontan beschließen, nach Simbabwe einzureisen, um sie von der anderen, nämlich flussaufwärts gerichteten Seite anzuschauen. Nachdem Robert Mugabe in den letzten 30 Jahren das Land von einer blühenden Nation in mittelalterliche Finsternis herabregiert hat (die Inflation erreichte über 1000%, weshalb inzwischen der Dollar als einziges Zahlungsmittel akzeptiert wird, 70 % der Menschen sind arbeitslos, Frauen haben in Simbabwe eine geringere Lebenserwartung als in jedem anderen Land auf diesem Planeten …), erwarten wir hinter der Grenze ein abgebranntes Land mit ruinierter Infrastruktur, dahinsiechenden Menschen und gewalttätigen Milizen. Nichts davon erfüllt sich. In Victoria Fall, der Schwesterstadt von Livingston rollen wir an aufgeräumten Shoppingarkaden vorbei und beziehen ein Camp, dass sich problemlos mit der Waterfront Lodge auf sambischer Seite messen kann. Der Pool ist sogar noch ein klein wenig größer. Als im Laufe des Nachmittags eine Gruppe aus 9 südafrikanischen Wohnmobilisten in ihren strahlendweißen, blitzblanksauberen Iveco-Tupperschüsseln ins Camp einziehen, fragen wir uns endgültig, ob das hier nicht doch die Ostsee ist.

 

Noch einmal schauen wir uns die Viktoriafälle an, und tatsächlich ist der Anblick von dieser Seite noch dramatischer. Wie ein weißer, wallender, fallender Vorhang umhüllen die Wasser den dunklen Felsen. Die Gischt benetzt unsere verschwitzte Haut und lässt um uns herum einen tropischen Garten wachsen. Selten haben wir so etwas Wundervolles gesehen. Beruhigend zu wissen, dass wir nach allem Erlebten immer noch empfänglich sind für solch eine Schönheit. David Livingston schrieb über die Fälle: "Bei solch einem lieblichen Anblick müssen selbst Engel im Fluge staunen"

 

Zurück im Camp entdecken wir in Mathilda ein Ameisennest. Tausende dieser Biester krabbeln über ein beeindruckendes Wegenetz durch die Kabine, wahrscheinlich angelockt vom betörenden Duft der Elefantenrotze. Auch das beruhigend zu wissen: wir sind immer noch in Afrika …!

 

Bildergalerie: Viktoria Fälle

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Kommentare: 3
  • #1

    Rainer (Mittwoch, 26 Oktober 2011 14:21)

    Hallo

    Toller Bericht und beeindruckende Bilder !!!
    Tja anscheinend braucht man gar kein Expeditionsfahrzeug für Afrika, sondern es geht auch mit einem Hünermobil ;-)

    Ich freue mich immer über eure tollen Berichte, Fotos und Videos.

    Macht weiter so und last euch von der afrikanischen Tierwelt nicht so sehr ärgern ;-)

    Viele Grüße von der Begstraße

    Rainer

  • #2

    Astrid Roschlaub (Mittwoch, 26 Oktober 2011 17:33)

    Hallo

    Wie gut, dass wir nur Katz und Hund haben.Liebe Grüße von den Roschys

  • #3

    Franky (Freitag, 11 November 2011 09:43)

    Das Ostseesambiabild ist geil. Man ist also nirgends vor diesen deutschen Campern sicher. Nichtmal in Afrika!

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ich verfolge eure Reisen schon lange, das ist euer - womöglich - bester und aufrüttelndster Blogbeitrag. Ich selber hab Indien seit 1993 schon mehrfach besucht, lebte fast 3 Jahre in Bangladesh (zuvor 13 Jahre in China und 4 Jahre in Indonesien) und lebe und arbeite mit meiner Familie seit 20 Jahren in Asien. Und Yogalehrer bin ich auch noch... Von daher: gut beobachtet! Weiter so...


Viele Grüsse und weiterhin ein gutes Auge, offenes Herz und Mut zum Schreiben der Wahrheit wünscht
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