So

08

Jan

2012

Kurz und ohne Bilder: Zwischenbilanz

Das Datum ist purer Zufall, und dennoch meint man, darin eine gewisse Symbolik zu erkennen: am ersten Januar 2012 erreichen wir den südlichsten Flecken Afrikas, das Cape Agulhas, und damit gleichsam einen – nein, den Wendepunkt unserer Reise. Von nun an geht es wieder Richtung Norden; ab hier entfernen wir uns nicht mehr von der Heimat, statt dessen rücken wir ihr wieder näher. Als wir da an der windigen, rauen Küste stehen, wo der indische Ozean und der Atlantik aufeinandertreffen, da überkommt uns schon eine tiefe Zufriedenheit, eine große Ergriffenheit und auch ein Anflug von Stolz über die zurückliegenden Abenteuer.

Ziemlich genau ein Jahr waren wir bis hierher unterwegs. Es waren die spannendsten und herausforderndsten, aber eben auch die glücklichsten 12 Monate, die wir je auf Achse erlebt haben. Afrika hat von uns bisweilen ziemlich viel abverlangt, doch für jede gemeisterte Schwierigkeit hat es uns 100fach belohnt. Es hat uns etliches gelehrt, vor allem eines: mit unserem eigenen rationalen Urteilsvermögen, das geprägt ist von unserer Herkunft, Kultur und Mentalität, kommen wir hier nicht weiter, stoßen wir immer wieder an Grenzen, prallen gegen unsichtbare Wände. Afrika bleibt ein irrationales, widersprüchliches Rätsel, es untergräbt unsere Vernunft. Es schockiert und verzaubert, es ist hässlich und anziehend, gewalttätig und sanft, roh und heiter, Afrika nervt und Afrika verführt.

 

Wir machen Pause - Urlaub vom Reisen, wenn man so will - und wir ziehen Zwischenbilanz. In Simon’s Town unweit von Kapstadt haben wir uns ein altes Cottage mit Blick über die False Bay gemietet. Mathilda steht in einer Mercedes Werkstatt. Sie hat einen ausgiebigen Service verdient, braucht einen Komplettcheck, neue Reifen, neue Filter, einen neuen Kühlerventilator, etc… . 40.000 Kilometer durch 21 Länder gingen nicht spurlos an ihr vorbei, wiewohl sie sich großartig und tapfer geschlagen hat. Nicht ein Plattfuß hat uns unterwegs aufgehalten. Das grenzt schon beinahe an ein Wunder. Auch zwischen Alaska und Feuerland hatten wir keinen einzigen zu beklagen. Vielleicht liegt’s ja daran, dass unser Schutzheiliger auf Reisen das Michelin-Männchen ist, vielleicht ist es aber auch einfach so, dass ich ein ganz ausgezeichneter Fahrer bin …;) …!

 

Derweil genießen wir die Vorzüge eines richtigen Hauses, eine Badewanne, ein komfortables King-Size-Bett, eine Küche, in der zu zweit gekocht werden kann, Fernsehen mit 3(!) Movie-Channels und eine sonnige Terrasse hoch über dem tiefblauen Meer. Wir bummeln durch einen aufgeräumten, historischen Ortskern von Simon’s Town, wo sich die Fischrestaurants aneinanderreihen wie anderswo die Fastfood-Läden. Jedes einzelne will ausprobiert werden und alle sind sie klasse! Mit Afrika hat Simon’s Town etwa so viel zu tun wie Buschtrommeln mit einer zünftigen bayerischen Marschkappelle, aber für den Moment beklagen wir uns nicht darüber.

 

Unser Blick in diesen Tagen ist zurückgerichtet. Wir schwelgen in Erinnerungen, erzählen uns gegenseitig Episoden, lesen Auszüge aus unseren Tagebüchern und schauen uns Videos und Fotos an. Wir nutzen freilich auch die Zeit (und das Internet hier), um die Weiterreise durch Westafrika zu planen, und da tun sich erheblich Probleme auf. Angola macht seine Grenzen für Touristen dicht, man kriegt keine Visa. Doch an dem Land führt kein Weg vorbei. Im Kongo – so hört man - flammen immer wieder bürgerkriegsähnliche Kämpfe auf und in Nigeria wird von furchtbaren Gräueltaten von Muslime an Christen berichtet – die hässliche Seite Afrikas. Im Augenblick sind wir ein bisschen ratlos, wie es weitergehen soll. Es gibt da einen vagen Plan B, den wir im Hinterkopf haben: wir verschiffen Mathilda vom südlichen Afrika nach Tema/Ghana oder Dakar/Senegal und rollen von dort aus den Westen Afrikas auf. Doch wird es schwierig sein, einen Frachter zu finden, der unser Fahrzeug sicher und heil um die Krisenzonen schippert. Wir sitzen stundenlang am Notebook und stöbern durchs Internet auf der Suche nach einer Schiffagentur, die uns weiterhelfen kann. Gott sei Dank haben wir keine Eile. Erst mal stehen Botswana und Namibia nochmal an, dann ein 3monatiger Zwischenbesuch in Deutschland an. Und bis zum Sommer können sich die Zustände wieder völlig verändert haben. Auch das macht Afrika aus: es ist in ständiger Bewegung (und scheint gleichzeitig in ewiger Starre gefangen)!

 

Wir werden weiterhin auf dieser Webseite berichten– wenn auch sporadischer als bisher. Auch das ist eine Erkenntnis aus den zurückliegenden Monaten: wir haben zu viel Zeit am Computer verbracht. Bilder editieren, Videos schneiden, Berichte schreiben … das alles macht viel Freude, aber es diktiert zu sehr unseren „Alltag“ unterwegs (und wenn wir ehrlich sind, dann befriedigt dieser ganze Aufwand vor allem eines: die eitle Lust am Sich Mitteilen). Ach, und wo wir schon bei Erkenntnissen sind: Jede Reise, egal wohin sie führt, ist immer auch eine Reise zu Dir selbst. In dem Maße, wie sich die Welt um dich herum verändert, verändert sich der Blickwinkel Deiner Wahrnehmung. Sowohl hinsichtlich der Dinge da draußen als auch hinsichtlich Deiner selbst. Du siehst nicht klarer, aber komplexer. Die Welt wird nicht fassbarer, aber farbiger.

 

Und Afrika? Afrika lässt die Farben im Kopf explodieren!

 

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Kommentare: 10
  • #1

    Anja (Sonntag, 08 Januar 2012)

    ... und Eurer ganzer Aufwand befriedigt auch die vielen Mitleser, die durch Euch einen Blick in die weite Welt erlangen ... Ihr lebt den Reisetraum, den viele haben, sich aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht oder noch nicht erfüllen können. Ich habe seit Eurem Aufbruch jedes Wort gelesen, jedes Bild und Video angeschaut und das immer mit Mitgefühl und Begeisterung ...

    Aber ich verstehe Euch sehr gut, es ist Eurer Erlebnis, Eure Zeit und wer selber reist, weis wie schwer es ist, auch nur das tägliche Tagebuchschreiben auf die Reihe zu kriegen. Täglich eine neue unbekannte Welt will auch im Kopf verarbeitet werden. Bei Dir Michael kommt natürlich noch Dein Perfektionismus dazu ;-). Und das kostet natürlich Zeit - macht aber andererseits auch Eure herausragende Website aus!

    Ich wünsche Euch bei Euren weiteren Planungen und Unternehmungen viel Glück und freue mich trotzdem, noch ab und zu von Euch zu lesen. Ich muss mir halt angewöhnen, nicht jeden zweiten Tag auf Eure Seite zu schauen ;-))

    Good luck Anja (mir tropft der Zahn, wenn ich in Kapstadt an die Ocean Bascet - Restaurants denke ... ein "Soulmate Platter for two" mit einem guten Weißen, was würde ich da jetzt drum geben ;-)

  • #2

    Sebastian (Donnerstag, 12 Januar 2012 06:40)

    Na dann schon mal danke bis hierher - schön, dass ich so bei Euren glücklichsten 12 Monaten auf Achse (wow, das heißt einiges) dabei sein konnte. Das ist auch für uns hier draußen was Besonderes.

    Ein gutes Neues Jahr in allen Bereichen - lasst es Euch gut gehen und passt gut auf.

    Euer Sebastian

  • #3

    T (Theron) (Donnerstag, 12 Januar 2012 21:51)

    Michael and Sabine, what a pleasure meeting you today, life continues to amaze me, everywhere I travel I meet the most interesting folks, and now you two:) my thirst for travel and yearning to experience all cultures and ways of life, now taken to a new level :) your journey has inspired me beyond your wildest dreams, you two are right out of a novel:) in fact, do I get a copy of your book yet written :):):) Peace, my friends on your journey home:)

    T

  • #4

    Sepp R (Freitag, 13 Januar 2012 20:30)

    Hallo Ihr beiden

    Wir kennen uns nicht aber ich habe vor einigen Monaten schon einmal einen hoffentlich aufmunternden Kommentar zu Euren Berichten und Bildern geschickt und möchte heute in das gleiche Horn blasen:

    Es lohnt sich schon, viel Mühe in die Verfassung der Berichte zu stecken, sie auch fehlerfrei und ein wenig perfektioniert fertigzustellen, so wie Ihr das bisher toll gemacht habt.

    Nicht wir Leser, ob Euch bekannt oder nicht sind die Hauptnutznießer, nein Ihr selbst werdet es in den nächsten 40 Jahren immer wieder bestätigen können, dass es sich gelohnt hat. Nicht nur die Reise selbst, auch der wieder und wieder lesbare Bericht wir Euch bis ins hohe Alter begleiten - hoffe ich mal. Und wenn man einen Bericht öfter liest, es genügt einmal im Jahr, das sind dann 40 mal, wird man sich regelmäßig über Fehler ärgern und über gelungene Darstellungen freuen.
    Später, wenn die Reise beendet ist und Ihr wieder in einem anderen Stress steckt werdet Ihr vermutlich keine Zeit, keine Lust oder keine Notwendigkeit finden, den Bericht zu verbessern. Also muss man es jetzt machen, wo es am meisten Spaß macht und auch viele andere etwas davon haben.

    In diesem Sinne wünsche ich Euch eine Rückreise ohne große Probleme und weiterhin Freude am Berichten.

    Euer Sepp Reithmeier

  • #5

    assi Roschlaub (Samstag, 14 Januar 2012 17:38)

    Hallo ihr Lieben,
    ich freue mich darüber, dass euch Afrika so faziniert. Gerne habe ich die Reise verfolgt und werde die Einträge vermissen. Weiterhin viel Spaß und viel Glück.
    Vielleicht ja bis bald in München. LG Assi

  • #6

    Michael & Sabine (Samstag, 14 Januar 2012)

    Hallo Assi,
    schön, von Dir immer wieder zu lesen. Es ist nicht so, dass wir keine Einträge mehr hier 'reinstellen werden, nur halt in etwas geringerem Umfang.

    Liebe Grüße nach Regesbostel,
    Michael &Sabine

  • #7

    Ben (Sonntag, 22 Januar 2012 16:02)

    Sehr lobenswert den Aufwand den ihr hier betreibt und den Einblick den ihr uns damit gewährt echt Top weiter so bitte.

    Es macht Spaß das zu lesen und somit ein wenig "Urlaub" mitzukriegen :D

    grüße.

  • #8

    Annie (Sonntag, 12 Februar 2012 10:24)

    Auch von mir: Vielen Dank für all die bisherigen Berichte. Und ich freue mich auf die kommenden, auch wenn sie - verständlicherweise - seltener werden. Ich drücke alle Daumen, dass ihr den richtigen Weg findet, euch und Mathilda safe nach Hause zu bringen. Doch erst einmal: genießt das easy going, freut euch auf Botswana + Namibia. Und wir bibbern hier in Europa weiter. Herzlich + bises. Annie

  • #9

    Martina Maise (Mittwoch, 22 Februar 2012 19:42)

    Liebe Sabine,
    lieber Michael,

    ich liebe es Euch auf Eurer Weltreise zu begleiten. Ich habe in Euren Reise- berichten geschwelgt und Eure Bilder
    haben mir nicht nur ausserordentlich gut gefallen, sondern Sie haben auch mein Herz berührt und ich konnte die Welt mit Euren Augen sehen. Dafür ein großes Dankeschön an Euch.

    Ich kann Eure Entscheidung verstehen, aber Ihr werdet mir sehr fehlen.

    Ich wünsche Euch weiterhin, eine wunderbare Reise mit vielen magischen Momenten.

    Ganz liebe Grüße
    Martina

  • #10

    Henning und Carolin (Dienstag, 13 März 2012 10:08)

    Die Anzahl der Leserbeiträge nach deiner Äußerung, den Umfang eurer Einträge zu verringern, zeigt ganz deutlich:
    !!!Eure Leserschaft ist entsetzt!!!
    und wir natürlich auch.
    Eure Einträge stimulieren sämtliche Sinne.
    Wir freuen uns auf euch.
    Henning und Carolin

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"Hallo ihr Lieben,

ich verfolge eure Reisen schon lange, das ist euer - womöglich - bester und aufrüttelndster Blogbeitrag. Ich selber hab Indien seit 1993 schon mehrfach besucht, lebte fast 3 Jahre in Bangladesh (zuvor 13 Jahre in China und 4 Jahre in Indonesien) und lebe und arbeite mit meiner Familie seit 20 Jahren in Asien. Und Yogalehrer bin ich auch noch... Von daher: gut beobachtet! Weiter so...


Viele Grüsse und weiterhin ein gutes Auge, offenes Herz und Mut zum Schreiben der Wahrheit wünscht
Jürgen"

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