Mo

01

Apr

2013

Zuhause

Eine lange Reise, erst recht wenn sie durch Afrika führt, ist kein Urlaub, kein Spaziergang im Park. Zuhause sind wir genormtes Teilchen einer vertrauten, funktionierenden Ordnung, die wir zwar gelegentlich als einengend empfinden, die uns aber auch Orientierung gibt und Halt. Zuhause, das ist organisiert, sortiert und verlässlich, und es ist gut so. Afrika ist die Gegenwelt zu dieser funktionierenden Ordnung: chaotisch, improvisiert und kunterbunt. In seinem Kosmos treten Gesetzmäßigkeiten außer Kraft, die die Dinge zuhause zusammenzuhalten scheinen. Es ist, als ob in Afrika die Schwerkraft nicht wirkt - und trotzdem treibt nicht alles auseinander. Das Leben dort funktioniert – nur halt nach völlig anderen Regeln und Normen. Diese Beobachtung verwirrte uns anfangs gewaltig, manchmal nervte sie tierisch, irgendwann berührte sie uns und schließlich veränderte sie die Sichtweise auf unsere eigenen Lebenskonzepte. Wer lange reist, ist früher oder später immer unterwegs zu sich selbst. Wer’s nicht tut, verpasst eine Chance.

Worauf will ich hinaus? Der schwierigste Teil einer Reise sei der erste Schritt, heißt es sinngemäß in einer asiatischen Weisheit. Weit gefehlt! Der schwierigste Teil ist ihr letzter Schritt; der nämlich, welcher Dich nach Hause bringt. Dann ist Inventur angesagt. Wir kommen zurück an den gleichen Ort, den wir verlassen haben, aber es ist nichtmehr derselbe Ort. Grundfragen stellen sich neu, Glaubenssätze relativieren sich. Was habe ich? Wonach sehne ich mich? Wovon will ich mich trennen? Was fehlt mir? Unser Leben, zumal in einer eitlen Stadt wie München, reduziert sich allzu sehr auf das, was wir haben. Solches definiert, was wir sind. Natürlich empfinden wir Dankbarkeit für unseren Wohlstand. Aber in den anderthalb Jahren Afrika, in denen ein großer Teil unseres Alltags von den Grundfragen des Über-lebens beherrscht wurde (wo gibt’s Lebensmittel, wo Trinkwasser, wo finden wir einen sicheren Ort für die Nacht …?) erkannten wir einmal mehr, wie wunderbar es ist, in seinem Kleiderschrank lediglich zwei kurze Hosen, zwei lange Hosen und ein paar T-Shirts zu haben zu haben – fertig. Die Schwerkraft in unserer Welt heißt Besitz. Manchmal kommt es uns so vor, als stehe Wohlstand in fundamentalem Widerspruch zu Leichtigkeit. Zu erfahren, wie andere ballastfrei fliegen, wie sie in aller Armut das Leben mit Gelassenheit angehen und wie sie Glück nach völlig anderen Maßstäben definieren, ist der beste Grund, loszureisen - und die beste Voraussetzung, nach der Rückkehr das eigene Leben neu zu sortieren.

 

Wir haben Konsequenzen gezogen. Wir geben unsere Altbauwohnung mitten in München auf und ziehen in ein 150 Seelendorf ins Bergische Land. Da sitze ich gerade zwischen Kisten und Koffern am Küchentisch und hacke diesen Text ins Notebook. Wenn ich aus dem Fenster hinausschaue, blicke ich auf eine alte Linde, in denen sich die Vögel tummeln. Leider sind die Äste noch kahl. Der Frühling lässt bekanntermaßen auf sich warten in diesem Jahr. Und dennoch: wenn ich die Augen zu Schlitze verenge und meine Phantasie von der Leine lasse, dann steht der Baum im Urwald an den Hängen des Karisimbi in Ruanda. Und der dunkle Schatten da zwischen den Zweigen könnte glatt ein Silberrücken sein (und nicht der silbergraue Benz vom Nachbar Pirtsch). Ihr seht schon: was wir erlebt haben, ist nicht abgeschlossen und vorbei. Es arbeitet weiter. Es hallt nach. Die Erinnerungen sind das kostbarste Souvenir, das wir aus Afrika mitgebracht haben.

 

Mathilda steht in einer Halle ein paar Kilometer von unserem Haus entfernt. Eine Woche nach unserer Rückkehr konnten wir sie bereits in Bremerhaven wieder entgegennehmen. Noch immer haftete der Staub der Savanne an ihrem Fahrwerk und getrockneter Elefantendung klemmte in ihren Profilen. Inzwischen sind diese Spuren beseitigt. Statt dessen prangt eine neue TÜV Plakette an ihrem Nummernschild, für die wir ziemlich kämpfen mussten hier in der Provinz. Meine ersten engeren Bekanntschaften im Bergischen Land sind ein vergrämter LKW-Mechaniker und ein penibler TÜV-Prüfer …!

 

Jeden Tag arbeite ich an unserem Buch über Afrika. Frederking & Thaler verlegt es, im Herbst wird es in den Buchläden sein. Ich muss quasi von Berufs wegen tagtäglich unsere Reise revuepassieren lassen. Kein schlechter Job, vielleicht gelegentlich etwas schmerzhaft. Das Buch ist unser Danksagung an die Menschen Afrikas. Sie haben es immerhin erst möglich gemacht. Und sie ließen uns Anteil haben an ihrer Welt der Schwerelosigkeit, des Gleichmuts, der Langsamkeit, der Lust am Lachen, am Leben, am Überleben trotz aller Kargheit und allen Mangels. Jede Begegnung zwischen Kairo und Kapstadt war eine Lektion in Sachen Menschlichkeit, nun liegt es an uns, die Lehren daraus zu ziehen.

 

Worauf wollte ich doch gleich hinaus? Ach ja: Die nächsten Reisepläne liegen selbstverständlich in der Schublade. Wenn wir uns die Landkarte von Afrika so anschauen, dann stellen wir fest, dass wir es gerade mal angekratzt haben. Es gibt noch viel zu entdecken … 2014/2015 höchstwahrscheinlich …!

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Martina Maise (Sonntag, 07 April 2013)

    Liebe Sabine,
    lieber Michael,

    auf diese Worte habe ich gewartet. Nach so
    einer Reise kann man nicht einfach nach Hause fahren, die Tür aufschließen und wie vorher weiterleben...
    Solch eine Reise verändert, bewegt und schafft Klarheit.

    Ich wünsche Euch ein glückliches und schönes Zuhause und natürlich viele nette Nachbarn.

    ...habe ich es doch gewusst, es wird ein neues Buch geben, in dem Ihr eure Erlebnisse sowie eure Gedanken mit uns teilt. Ganz besonders freue ich mich schon jetzt auf viele wunderbare Bilder.
    Wahrscheinlich wird dieses Buch über Afrika mein Fernweh nicht stillen, sondern schmerzhaft aufflackern lassen.

    Ich wünsche Euch eine gute Zeit.

    Herzliche Grüße
    Martina Maise

  • #2

    Steffi (Samstag, 11 Mai 2013 22:18)

    Na, sowas, dann seid Ihr jetzt ja ganz bei uns in der Nähe... TÜV ist nicht überall gleich schlimm, hier in der Gegend ;-)
    Willkommen in der Region - Steffi

  • #3

    Dennis Kipphardt (Sonntag, 19 Januar 2014 09:58)

    Wow, ich kannte Euer Vorhaben von den Vorbereitungen meiner eigenen Reise. Irgendwo in Nordkenia haben wir Euch dann wohl überholt, wenn auf lustigerweise nicht getroffen, Ihr seid wohl in Richtung Ruanda gefahren !

    Toll, dass ich Euch dann über den Welt.de-Bericht wiederentdeckt habe. Das eindrucksvolle Schlusswort und das Auf-Abwegen auf Mathilda führte mich schnell wieder hierher.

    EIN GRANDIOSE SCHLUSSWORT "ZUHAUSE" - ich freue mich auf den Bildband, den ich hoffentlich irgendwann mal zumindest in die Hände kriegen werde ! Dennis

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"Hallo ihr Lieben,

ich verfolge eure Reisen schon lange, das ist euer - womöglich - bester und aufrüttelndster Blogbeitrag. Ich selber hab Indien seit 1993 schon mehrfach besucht, lebte fast 3 Jahre in Bangladesh (zuvor 13 Jahre in China und 4 Jahre in Indonesien) und lebe und arbeite mit meiner Familie seit 20 Jahren in Asien. Und Yogalehrer bin ich auch noch... Von daher: gut beobachtet! Weiter so...


Viele Grüsse und weiterhin ein gutes Auge, offenes Herz und Mut zum Schreiben der Wahrheit wünscht
Jürgen"

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