Mit dem Pferd über die Alpen

Aus der Kölner Rundschau vom 15.09.2018:

 

Benroth - Mehr als 260 Kilometer über Wiesen, Steine und Geröll. Neun Pässe in zehn Tagen, dazwischen fast 9000 Höhenmeter. Strapazen vom ersten Licht des Tages bis ins tiefe Dunkel der Nacht. Dazu Regen aus schweren, grauen Wolken, wenige Sonnenstrahlen. Und längst sind auch die letzten Baumwipfel aus dem Blick verschwunden. Urlaub sieht sonst anders aus ...

Tatsächlich spricht Michael Boyny von einer Grenzerfahrung. „Und doch war da immer diese Euphorie, die mich zu keiner Zeit verlassen wollte“, sagt der 54 Jahre alte Fotograf aus München, der heute in Nümbrecht-Benroth lebt und dort vor fünf Jahren den Unternehmensbegleiter Bernd Osterhammel (60) kennengelernt hat. Gerade haben die beiden in einer Gruppe die Alpen überquert. Nicht mit dem Flugzeug, nicht zu Fuß. Sondern auf Pferden aus Oberberg. „Noch nie war ich der wirklichen Natur näher als auf dieser Reise“, sagt Osterhammel, der in Benroth einen Pferdehof betreibt und mit diesen Tieren aufgewachsen ist.

 

Außer der Gruppe war niemand in der massiven Landschaft unterwegs, längst hatten die Mobiltelefone die Verbindung verloren. In der kleinen Gemeinde Scuol im schweizerischen Engadin begann das Abenteuer der beiden Männer, irgendwo in der italienischen Lombardei war der Wendepunkt und es ging zurück nach Scuol.

 

„Unfassbare Tage“, schwärmt Weltenbummler Boyny. Viel hat er von der Welt gesehen, zwei Jahre lang ist er etwa von Alaska nach Feuerland gereist. Und auch Bernd Osterhammel hat ferne Länder besucht, in den Anden ist er ebenso aufs Pferd gestiegen wie auf Island oder in Ägypten. „Trotzdem war ich nie ein echter Reisender“, bekennt er. Boyny wiederum hat vor wenigen Jahren erst seine Liebe zum Reiten entdeckt. „Ich bin nie mit dem Boden verwurzelt, auf dem ich gerade stehe“, verrät er. Als Osterhammel dann bei einem Seminar in Baden-Baden hörte, wie eine Teilnehmerin von einem solchen Alpenritt schwärmt, brauchte er nicht viel, um den ruhelosen Boyny für diese Reise zu gewinnen: „Wir ergänzen uns eben. Im Reiten ist Michael ein angstfreies Naturtalent.“ Gemeinsam trainierten sie ihre Pferde Lucy und Romeo, beide „American Quarter Horses“, im Siegtal und im Westerwald auf 200 bis 400 Höhenmetern.

 

„In den Alpen mussten die beiden dann ebenso viel lernen wie wir selbst“, berichtet Osterhammel. „Meist überschätzt sich der Reiter, während er sein Pferd dagegen unterschätzt.“ Noch immer staune er, wie selbstverständlich das Kraxeln für Lucy und Romeo geworden sei. Und wie selbstverständlich die beiden zehn Jahre alten Vierbeiner schließlich über schmale Holzbrücken und durch eiskalte Bäche schritten. In den Sätteln saßen zehn Reiter insgesamt, sie folgten den Extreme-Trail-Führern Peter van der Gugten und Tina Boche über historische Saumpfade und längst vergessene Militärrouten.

„Dabei sind wir oft zu Fuß gelaufen“, betont Michael Boyny, dass die Pferde niemals überlastet worden seien. „Vor steilen Aufstiegen sind wir abgestiegen und haben das Vorderpferd am Schweif gefasst“, schildert der Fotograf, wie es für die Gruppe aufwärts ging. Mit 2432 Metern ist der Passo Viola an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien der höchste Pass, den es zu bezwingen galt. Längst wurde der Fotograf Boyny getragen von jener Euphorie ob der spektakulären Ausblicke und Panoramen, am Roseggletscher etwa oder am Lago di Saoseo. Und Bernd Osterhammel ergänzt: „Danach sieht man das ganze Leben in der lieblichen Zivilisation irgendwie anders.“

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In den etwa 25 Kilogramm Gepäck, die jeder Reiter gesattelt hatte, befand sich nicht nur frische Kleidung, sondern auch das Zubehör für einen Elektrozaun, der jeden Abend aufgebaut werden musste. Osterhammel: „Die Tage begannen in aller Frühe bei den Pferden. Und sie endeten dort.“ Die Nächte verbrachten sie in unterschiedlichsten Herbergen. „Der Allerwerteste hat am Ende ganz schön gezwickt“, gesteht Boyny, während Osterhammel von seiner Sehnsucht zu Frau und Familie erzählt. Und die beiden Benrother wissen auch, was sie bei einer solchen Tour das nächste Mal anders machen würden: „Mehr Socken einpacken“, sagt Boyny. „Denn am Ende hatte ich immer feuchte Füße.“

 

Von Jens Höhner



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