Mexikos wilder Süden

Dieses Hörerlebnis gibt’s gratis: die Geräuschkulisse eines nächtlichen Tropenwaldes ist eine Kakophonie aus zirpenden, pfeifenden, scharrende, und rufenden Klängen von symphonischer Formvollendung. Nackt liegen wir in unserem Bett zwei Meter über dem feuchten Boden. Alle Lucken sind geöffnet, keine Decke, in die wir uns hüllen, und trotzdem finden wir in der schwülen, dampfenden  Hitze keinen Schlaf. Also lauschen wir: Dicht am Fenster auf der anderen Seite der für sie vorgesehenen Netze surren Moskitos und würden gerne über unsere Körper herfallen. Im Bambus über uns bewegt ein lauer, warmer Wind die schmalen Blätter. Von allen Seiten zirpen Grillen um die Wette. Im Unterholz raschelt es. Eine Gecko? Ein Gürteltier? Ein Jaguar? In der Ferne pfeift ein Vogel eine endlose Dreitonfolge. Weiter am Berghang schreien sich Brüllaffen die Kehle aus dem Hals. Zwei rivalisierende Meuten, erfahren wir am Vorabend, sind vor einigen Nächten aneinandergeraten und finden seither keinen Frieden. Auch heute nacht scheinen sie von einer Konfliktlösung weit entfernt zu sein. Gegen drei Uhr morgens fängt es an zu regnen. Schwere Tropfen schlagen auf Lucys Dach und laufen dickflüssig an den geöffneten Fenstern herunter. Einer von uns sollte raus und die Stühle ins Trockene bringen, denken wir - jeder für sich im Stillen - und schlafen endlich ein …!

 

Mexiko hat keinen wilden Westen, es hat einen wilden Süden. In den Provinzen Oaxaca und Chiapas pocht unüberhörbar sein indianisches Herz und das ist selbstbewußt und konfliktfreudig. Wir umfahren Mexiko-Stadt noch einmal, diesmal im Osten (und diesmal erfolgreich) über die gut ausgebaute, gebührenpflichtige Mex #190. Die Strasse erreicht wieder Höhen von über 3000 Metern. Entlang dieser Strecke sollten uns eigentlich die beiden ehrfurchtgebietenden Vulkane Iztaccihuatl (5230m) und Popocatépetl (5452m) begleiten. Die aber sind abgetaucht hinter der Smogglocke der Hauptstadt, und was die nicht schafft, erledigt ein staubiger Westwind.

 

Über karge Kakteen- und Agavenlandstriche erreichen wir nach zwei Tagen gemächlicher Fahrt die alte Kolonialstadt Oaxaca, Hauptstadt des gleichnamigen Staates. Im zentrumsnahen Trailerpark richten wir uns unter einem schattenspendenden Baum für eine Woche ein. Vierzehn Monster-RV’s aus den USA lassen in den ersten Tagen regelmäßig das Stromnetz zusammenbrechen und den Wasserdruck in den Leitungen gegen Null tendieren. Nach drei Nächten zieht die Armada weiter. Die verbliebenen Gäste und der Platzwart atmen erleichtert auf. Gegenüber von uns steht der Truckcamper von Lisbeth und Marc - er aus Kalifornien, sie aus Belgien. Zusammen mit ihren beiden Hunden Kelly und Darwin reisen sie durch Mittelamerika. Eine wunderbare Backgammon-Spielgemeinschaft baut sich da auf und darüber hinaus allmählich eine freundschaftliche Nachbarschaft. Es tut gut, wenn sich die gewohnte Zweierrunde gelegentlich zu einer Vierer- (bzw. Sechser-) Runde erweitert. In den kommenden Wochen werden wir gemeinsam so manche Erlebnisse miteinander teilen.

 

Oaxaca ist eine Perle unter den mexikanischen Städten. Es liegt in einem weiten Hochtal der Sierra Madre auf 1540m über Null. 300.000 Menschen leben hier, vor allem Indigenas aus den Volksgruppen der Mixteken und Zapoteken. Bereits in prähispanischer Zeit war der Ort ein Schnittpunkt wichtiger mesoamerikanischer Handelswege. Sein indianisches Erbe und seine koloniale Vergangenheit vereinigen sich in der Stadt zu einer spannenden Mixtur. Wir verbringen Stunden in Cafes am autofreien Zocalo und beobachten das Treiben unter den hohen Lorbeerbäumen: Schuhputzer, Luftballonverkäufer, Musiker, Straßenhändler, … - alle versuchen, ihren Teil aus dem boomenden Touristengeschäft herauszuschlagen und schaffen eine beträchtliche Schattenökonomie. Schätzungen zufolge erwirtschaftet mexikoweit dieses Millionenheer von Ein-Mann- (Frau-, Kind-) Betrieben über ein Drittel des offiziellen Bruttoinlandsprodukts und offenbart gleichzeitig die versteckte Armut in großen Teilen der Bevölkerung.

 

Im 10 Kilometer entfernten Monte Alban besichtigen wir die Ruinen der größten aller Zapotekenstätten. Zwischen 500 v.Chr. und 750 n.Chr. lebten hier zeitweise bis zu 25000 Menschen und schufen ein Machtzentrum, das in seiner Hochzeit das ganze südwestliche Mexiko beherrschte. Im ‚Museo de las Culturas de Oaxaca’ erfahren wir mehr über die komplexe Zivilisation der Zapoteken und bewundern ihre großartigen Keramik-, Gold- und Silberschmiedearbeiten sowie ihre wertvollen Bilderhandschriften.

 

Wir verlassen Oaxaca über die kurvenreiche Mex #175, die uns über einen Höhenzug nach 250 Kilometern und sieben(!) Stunden Fahrtzeit hinunter an die Pazifikküste führt. Die Strecke ist mühsam, aber das Landschaftserlebnis dramatisch: Waren wir auf der Nordseite der Berge noch von kargem Kakteenland umgeben, so tauchen wir an ihrer Südseite hinein in eine üppige, grüne Tropenwelt. Es duftet modrig, die Luft ist feucht und schwer, die Strasse eilt vorbei an Zuckerrohr-, Bananen und Kaffeeplantagen. Bereits bei Dunkelheit erreichen wir unser Ziel, den kleinen Fischerort Mazunte am gleichnamigen Strand. Wir finden einen Stellplatz hinterm Strandrestaurant von Yuri zwischen freilaufenden Hühnern, aufgehängter Bettwäsche und Tortillabackhaus. Die Nacht bleibt trotz der hohen Außentemperaturen erträglich. Dank Lucys hervorragender Isolierung steckt in ihrer Kabine immer noch die kühle Luft des Hochlandes. Schnell schlafen wir ein.

 

Früh am nächsten Morgen – gerade schiebt sich die Sonne über den Horizont – schleiche ich mich mit der Kameratasche bepackt aus der Kabine. Sabine soll ausschlafen. Ich schieße ein Paar Fotos vom noch verlassenen Strand, von Palmen und leeren Liegestühlen in flachem Morgenlicht, als ein paar Fischer auftauchen. Sie stehen am Ufer, starren auf die heranrollenden Wellen, werfen - wie auf ein Kommando - ihre Netze aus und ziehen sie sofort wieder ein. Mir verschlägt's die Sprache angesichts der Fischmengen, die sie da aus dem Wasser holen. In weniger als 15 Minuten hat jeder einzelne genug Beute für die ganze Familie gemacht und wahrscheinlich auch noch für alle Freunde, Bekannte und Haustiere - einschließlich der Hühner (fressen Hühner Fisch?).

 

Mit Silvano komme ich ins Gespräch. Sein Alter ist schwierig einzuschätzen. Vielleicht so um die vierzig. Anders als die übrigen Männer scheint er es zu genießen, fotografiert zu werden. Wir plaudern über Fischfang, Kiffen, Meeresschildkröten und über die Kunst der Unbeschwertheit. Darüber braucht er mir nichts zu erzählen, das lebt er mir mit jeder seiner Gene vor. Wir trinken bei Yuri, der gerade seinen Strandladen  aufmacht, einen müden Kaffee und gehen später gemeinsam zum Haus seiner 76- jährigen Mutter, wo sich Silvano im Hinterhof einen kleinen Bretterverschlag zusammengezimmert hat, in dem er seit einigen Jahren lebt. Ein einfaches Holzgestell vor seiner Hütte ist mit Fäden bespannt. Hier knüpft er Hängematten, die bei Backpackertouristen am Strand schwer beliebt sind. Für 100 Pesos, umgerechnet 8 Euro, verkauft er sie mindestens. Sein erstes Angebot liegt bei 300. Wenn er durcharbeiten würde, benötigte er einen Tag für eine Matte - aber das tut er selten. Lieber sitzt er nachmittags mit Freunden im Schatten unter Palmen, schlürft an einem „Sol“ und dreht sich einen Joint. Wer allmorgendlich mit wenig Aufwand eimerweise Fisch aus dem vor der Haustür liegenden Meer herausholt, wer sich keine Sorgen über Heizungskosten machen braucht und auf einen Fernseher verzichten kann, hat’s irgendwie leichter im Leben …!

Die Hitze erlaubt für den Rest des Tages keine unnötigen Bewegungen. Wir liegen am Strand, lesen, schwatzen, schlafen – praktizieren den ‚Silvano’ (nur das Kiffen lassen wir aus).

Tags drauf schon verlassen wir Mazunte, fahren Richtung Osten die Küste entlang und steigen bald erneut auf ins kühlere Hinterland - ins Städtchen San Christobal de las Casas in der Provinz Chiapas. Einen Höhenunterschied von 2300m legen wir auf dieser Strecke zurück – auf der nach oben offenen ‚pfft’-Skala (siehe Mexiko, zentrales Hochland) eine glatte 6, mindestens! Im Rancho San Nicolas Trailerpark unweit des Zentrums richten wir uns ein und treffen dort auch Lisbeth, Marc und die Hunde wieder.

 

Von allen Städten Mexikos ist San Christobal de las Casas vielleicht die attraktivste, ohne daß sie dabei herausragende architektonische Highlights zu bieten hätten. Es ist wieder der Mix aus kolonialer Vergangenheit und indigener Gegenwart, der den Ort so anziehend macht. Hier haben wir endgültig die Welt der Maya erreicht, und die wird uns die nächsten Wochen bis hinunter nach Honduras begleiten. In den umliegenden Dörfern San Christobals leben Tzotziles und Tseltales, die größten der Maya-Ethnien Chiapas. Sie treffen früh morgens in der Stadt ein und verkaufen auf dem Mercado Municipal ihre landwirtschaftlichen oder kunsthandwerklichen Produkte. Ihnen folgt ein Heer von bettelnden Kindern und gebeugten, barfüssigen indigenen Frauen. Die sozialen Problematiken Mexikos werden in San Christobal besonders offenbar. Unser Reiseführer* beschreibt es so:

 

„Chiapas ist in den Augen vieler Mexikaner meist nur der fremdartige, rückständige Süden, arm und unterentwickelt und voller Konfliktherde. (…) Es gibt hohe Analphabeten- und Arbeitslosenquoten, auch die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Landreformen, allgemeine Schulbildung und ein Gesundheitswesen für alle – einst Ziele der Mexikanischen Revolution -konnten in Mexikos südlichster Grenzprovinz nie richtig verwirklicht werden. Auch heutige Hilfsgelder versickern meistens in den Taschen korrupter Beamter und Parteibonzen. Grosse Teile des bebaubaren Landes befindet sich in den Händen weniger Mestizos, und diese halten außerdem die politische Macht in den Händen. So bleibt vielerorts für die Indigenas nur ein hartes Leben (…) als landlose Bauern oder Kaffeepflücker oder Wanderarbeiter (…).“

 

Am 1. Januar 1994 brach der Aufstand der Zapatisten los. Etwa 800 bewaffnete und maskierte Männer unter Führung des Subcomandante Marcos besetzten in einem Überraschungsangriff die Rathäuser von San Christobal de las Casas und weiterer 8 Dörfer, um auf die brennenden Probleme und die Diskriminierung indigener Ethnien in Chiapas aufmerksam zu machen. Die mexikanische Militärmaschine rollte an und antwortete mit harten Gegenschlägen, mit Erschießungen und Bombardierungen von Aufständischendörfern - die Zapatisten mußten sich in die Wälder und Berge zurückziehen, doch gaben sie den bewaffneten Kampf nicht auf. Bis 1999 sind weit über 1000 Guerilleros und symphatisierende Indigenas umgekommen und 15000 wurden aus ihren Städten und Dörfern vertrieben. Militärisch gesehen war der Aufstand eine bittere Niederlage, doch riß er Mexiko aus der Ignoranz und die Welt aus der Ahnungslosigkeit hinsichtlich eines Konfliktes, der schon seit langer Zeit verdeckt schwelte. Erst mit der Wahl Vincent Fox zum neuen Präsident Mexikos im Juli 2000 legten die Rebellen die Waffen aus der Hand und führten ihren Kampf politisch weiter. Doch der gegenwärtige Friede in Chiapas ist brüchig, wie ständige Übergriffe und blutige Vorkommnisse beweisen – alles wartet auf den nächsten Coup der Zapatisten.

 

Am Zocalo von San Christobal treffen wir Caesar. Er führt Touristen zu indigene Dörfer in den umliegenden Bergen und ist ein unverhohlener Sympathisant der Rebellen. Zu sechst (4 weitere junge deutsche Traveler) besteigen wir seinen alten blauen VW-Bus und fahren ins 12 km entfernte Chamula, das religiöse Zentrum der für die dort und im Umland weit verstreut lebenden Tzotziles. Am Ortseingang steigen wir aus und laufen am Friedhof vorbei hinunter in den Ortskern. Wir besuchen das Haus eines Mayordomos, eines religiösen und sozialen Führers, in dessen Hauptraum ein Altar mit zahlreichen Reliquien steht, anschließend eine Weberfamilie, die hofft, uns ein paar von ihren herrlichen Stoffen zu verkaufen. Caesar erzählt in englisch fundiert und mit größer Ernsthaftigkeit über die religiösen und gesellschaftlichen Bräuche der Indigenas, über Heilungsriten und Shamanismus, über soziale Konflikte und den politischen Kampf der Zapatisten. Er führt uns zum Marktplatz und schließlich in die aus dem 19. Jahrhundert stammende katholische Kirche Chamulas. Wir betreten einen magischen Ort: Dies ist keine Kirche im herkömmlichen Sinne. Bänke, Orgel, Kanzel und Beichtstühle sind verschwunden. Statt dessen brennen auf dem nackten Fliesenboden Hunderte Kerzen, die den Raum in ein geheimnisvolles Dämmerlicht tauchen. Kniende Indigenas murmeln Gebete vor den Holzfiguren katholischer Heiliger, welche die Funktionen früherer Maya-Naturgottheiten übernommen haben. Einige schwenken ein lebendiges Huhn zuerst über Kerzen und dann über Mitbetende (dem Tier wird anschließend noch in der Kirche der Hals umgedreht). Etliche leere Colaflaschen liegen herum. Das Getränk wird als Teil ritueller Handlungen getrunken, weil Rülpsen die bösen Geister vertreibt. Ein schwerer Duft von Weihrauch aus Copal-Harz liegt in der Luft – problemlos werden hier alte Mayarituale mit den Bräuchen der katholischen Kirche vermischt.

 

Wir fühlen uns in eine andere Zeit versetzt, in eine Welt, die faszinierend und beunruhigend gleichermaßen ist. Die Kultur der Maya lebt! Auch wenn das Volk seine großen Stätten wie Uxmal oder Palenque vor vielen hundert Jahren - noch vor der Ankunft der Spanier - aufgegeben hat, stellt es kein vergangenes Kapitel in den Geschichtsbüchern dar. Es pflegt seine Rituale, seine Sprache, seine Sitten, seine Heilkunst und seine Religion. Die Forderung nach Landreformen sowie nach kultureller und – zumindest auf regionaler Ebene – politischer Selbstbestimmung erscheint uns am Ende dieses Tages nachvollziehbar und gerechtfertigt. Darin stimmen wir mit Caesar überein: die militärischen Mittel der Zapatisten mögen fragwürdig sein, ihre Ziele sind es nicht.

 

Nach 5 Nächten verlassen wir San Christobal de las Casas Richtung Osten. Die Mex #199 taucht kurvenreich ab in die feuchte Wärme der Tropen. Wegen der Rebellen gibt es Straßenkontrollen des mexikanischen Militärs und unser Reiseführer warnt vor Wegelagerern und Straßenräuber. Denen begegnen wir nicht, statt dessen lachenden Mayakindern und winkenden Frauen vor armseligen Holzhütten. Dank Caesar meinen wir, die Welt dieser Menschen ein wenig besser zu begreifen, kommen uns die Indigenas in ihren Dörfern ein wenig vertrauter vor. Bei heruntergekurbelter Scheibe können wir sogar ein herzliches ‚LioTe’ im Vorbeifahren herausrufen, das heißt ‚guten Tag’ in der Sprache der Mayas.

 

In Palenque vor den alten, weltberühmten Ruinen finden wir einen traumhaften Campingplatz mit Pool und Bar und Live Music mitten im Tropenwald. Marc und Lisbeth folgen uns. Wir sitzen am Abend bei Sangria zusammen, spielen ein paar Backgammon und sprechen über die Erlebnisse der vergangenen Woche. Für den nächsten Tag hatten wir uns eigentlich gemeinsam die Besichtung der Ruinen vorgenommen, aber es wird spät an diesem Abend, die Ereignisse müssen sich setzen und die Nacht in den Tropen verspricht bekanntermaßen keine große Erholung – also verwerfen wir unsere Pläne und gönnen uns statt dessen einen entspannten ‚Silvano’ …!